Fernsehjournalist Andreas Postel wird Chef des ZDF-Landesstudios

Er ist der sechste Chef in gut 20 Jahren und ein junger dazu. Bereits seit dem letzten November leitet Andreas Postel die Arbeit im ZDF-Studio. Erst heute wird er offiziell ernannt.

Korrespondent: Studioleiter Andreas Postel. Foto: Marco Schmidt

Korrespondent: Studioleiter Andreas Postel. Foto: Marco Schmidt

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Erfurt. Blöder Wessi, ruft ein Passant. Andreas Postel muss das Auto wenden, was einige Mühe kostet und etwas Rücksicht erfordert. Deshalb ist er doch nicht blöde und noch lange kein Wessi. Sein Autokennzeichen deutet auf Mainz. Woher soll der Fremde wissen, dass der Fahrer aus dem Osten stammt.

Andreas Postel bleibt gelassen. Er wuchs in Rostock auf, Die Menschen von dort sind für ihre Ruhe bekannt. Aber die winzige Episode ist abgespeichert, wie es eben geschieht, wenn alle Antennen auf Empfang sind, weil der Mensch zum ersten Mal an einem Ort ist, an dem er fortan entschieden länger bleiben wird.

Was den Weg betrifft, kommt er an diesem Tag im November 2010 aus Mainz und eigentlich von viel weiter her, direkt aus Washington, wo er noch zu arbeiten hatte. Der Weg der Wahrnehmung also führt von Washington nach Erfurt.

Auch daran erinnert sich Andreas Postel genau und sagt: "Dadurch ergeben sich Kontraste, die manches Bild klarer machen und den Blick auf das Wesentliche lenken."

Er sieht, dass es uns, auch uns Thüringern, sehr gut geht und dass dieses Bundesland durchaus als ein Spiegel für Deutschland taugt, entwachsen dem Status, ein passables junges Bundesland im Osten zu sein, und eben gleichberechtigt angekommen. Immerhin, es ist nun 20 Jahre her, dass alles zusammenfand, und es ist an der Zeit, auch diese nahe Vergangenheit in all ihrer Bewegtheit als eigenständiges Werk einzurechnen. In diesem Zusammenhang sieht er seine Arbeit für das ZDF. Andreas Postel ist 38 Jahre alt.

Die Wende kommt für ihn zur exakt richtigen Zeit. Er ist in einer deutsch-deutschen Familie aufgewachsen. Wenn er als Junge in Warnemünde steht oder auf der Ostsee segelt und in den weiten Horizont träumt, fragt er schon mitunter, warum sie den Schiffen nicht bis Dänemark folgen. Der Vater antwortet dann: Das ist so bei uns.

Der Sohn kapiert dann mit der Grenzöffnung die Teilung. An der Humboldt-Universität trägt er sich für Geschichte und Germanistik ein, macht Radio, denn die Medien interessieren ihn, seit er deren Rolle in der Wende begriff.

Nach dem Studium beginnt er im ZDF-Landesstudio Mecklenburg-Vorpommern, übt das Fernsehhandwerk. Nach vier Jahren geht er in die Zentrale am Mainzer Lerchenberg, wo er der Ossi ist, und dreht Reportagen. Als Autor von gern auch halbstündigen Filmen reist er in die Südsee, nach Frankreich, Rumänien, Indien. Der ferne Horizont, nun fährt er ihm entgegen und weitet ihn im Kopf.

In der Redaktion vom "heute journal" arbeitet er anschließend für die tägliche Sendung und lernt immens, wie eine Nachrichtenspätsendung einen Tag widerspiegeln kann, wie Journalisten abwägen, sich auseinandersetzen. Für das "heute journal" kommt er gelegentlich nach Thüringen, berichtet unter anderem vom Besuch Barack Obamas in Weimar.

Er sagt, diese Zeit habe ihn am meisten geprägt. Als der ZDF-Intendant ihn auf Vorschlag des Chefredakteurs nach Erfurt ruft, denkt Postel nicht lange nach. Die Aufgabe lockt in all den Ansprüchen. Das Land lockt. Er kennt es auch privat, die Frau stammt aus dem Eichsfeld. Natürlich begegnet ihm die Frage: Du gehst in den Osten?

Aber den gibt es für Andreas Postel in Deutschland in dieser Tonlage nicht mehr. Thüringen liegt nordwestlich von München, womit er manche geografische Schwäche der scheinbar Mitfühlenden locker sowie gern korrigiert.

Beinahe ein halbes Jahr ist er nun bereits da. Im Büro in der Erfurter Marktstraße, im denkmalgeschützten stolzen Haus, wo Stuck die Zimmerdecken ziert, stehen noch immer vier volle Umzugskisten. Mit Frau und Kind hat er eine Wohnung bezogen, dankbar registriert, dass die wenigen Kollegen eine stabile Größe im mitunter hektischen Alltag sind.

Bewahrt hat er den bundesdeutschen Blick der Mainzer Zentrale auf das Thüringer Geschehen. Das meint klassische Musik in Weimar für Babys, was auch in Ulm interessiert, und einen durchaus respektablen Wirtschaftsaufschwung. Der, so Andreas Postel, muss journalistisch nicht zwangsläufig in Stuttgart handeln.

Kritisches Begleiten und gern im Internet ein breiteres Angebot aus Thüringen, als es das streng nach der Uhr bemessene ZDF-Programm bieten kann. Das sieht er als lohnenswerte Aufgaben. Und sich als Wossi.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren