#langenichtgehört: Britische Grüße aus der DDR

Wenn Mangelware durch die Krise hilft: Christian Werner über das Amiga-Album „The Kinks“.

Alben zum Wiederhören

Alben zum Wiederhören

Foto: Christian Werner

Mit alten Bekannten ist das so eine Sache. Entweder man mag sie oder eben nicht (mehr). Im zweiten Fall meidet man Gelegenheiten zur Kommunikation. Derzeit ist die Gefahr allerdings gering, unverhofft in ungewollte Gesellschaft zu geraten. Sie wissen schon Corona, Kontaktsperre und so.

Läuft einem nun so ein Bekannter doch über den Weg, hilft der Sicherheitsabstand – am besten von weitem winken, schnell die Gesichtsmaske überziehen und davoneilen. Dieses unter normalen Umständen asoziale Verhalten ist aktuell geradezu en vogue. Man muss die Vorteile einer Krise erst schätzen lernen.

Zu Freundschaften mit Unbehagen gehört indes nicht die einzige Amiga-Pressung einer Kinks-Platte. Im Gegenteil. Das Album der britischen Band ist zwar nur eine schnöde Best of, aber was für eine. Jedes Lied ein Treffer. Oder um den Begleittext auf der Albumrückseite zu zitieren, die Sammlung „stellt die Kinks in ihrer populärsten Periode vor“.

Die Stücke sind älter als das Album

Die Stücke wurden von der Band erstmals zwischen 1964 und 1970 veröffentlicht. Die Kollektion ist damit ein Spätzünder. Denn das Album erschien 1982 – der jüngste Song war damals bereits zwölf Jahre alt. Auf der Rückseite heißt es selbstkritisch formuliert, dass „die vorliegende Kollektion bereits historischer Natur“ sei.

Für Lizenzausgaben des DDR-Labels waren derart musikalische Nachzügler keine Seltenheit. Konservierte Musik war begehrt, zumal von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Egal, wie viele Lenze sie zählte.

Wer die Amiga-Version nicht zur Hand hat, kann exemplarisch jede andere Greatest Hits der Band heranziehen, davon gibt es zur Genüge. Oder sich eine Playlist ohne die späten eher mageren Jahre kredenzen.

Regionaler Bezug zu Thüringen

Doch das analoge Sammlerstück hat einen regionalen Bezug. Die Plattenhülle stammt wie so viele der „Taschen“ genannten Albencover aus Thüringen: aus dem Werk des VEB Gotha-Druck „Ernst Thälmann“.

Und es weckt Erinnerungen. Das Cover mit den fünf Musikern in der Natur lässt Interpretationen zu, die Gesichter verwischen leicht im Druck der DDR-Maschinen. Die fernen Musiker wirkten so noch etwas mystischer. Zeit in Albumlänge, um sich Gedanken über die unerreichbaren Stars zu machen.

Heute schwer vorstellbar, aber Bilder von Promis waren damals Mangelware. Und somit Fantasie anregend. Wie gesagt, man muss die Vorteile einer Krise erst schätzen lernen.

Reinhören!

Wir haben die Playlist zum Krisen-Modus. Hören Sie unsere Auswahl an Songs für die Heimarbeit, zur Kurzweil oder für andere Ablenkungen in Selbstquarantäne. Die Titel werden mit jeder neuen Folge unserer Kolumne erweitert. Und hier erfahren Sie, warum die Songs ausgewählt wurden.