Bäckerei in Erfurt sagt dem Wegwerfen von Backwaren den Kampf an

Erfurt.  Gegen die große Verschwendung: Eine Bäckerei in Erfurt verkauft seit Ende November in einem Pilotprojekt Backwaren, die einen Tag alt sind, für einen stark gesenkten Preis.

Bergmanns Yestern.day-Verkäufer Florian Spangenberg in seiner Filiale am Ringelberg.

Bergmanns Yestern.day-Verkäufer Florian Spangenberg in seiner Filiale am Ringelberg.

Foto: Michael Keller

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Es gibt da diese Szene in dem österreichischen Dokumentarfilm „We feed the World – Essen global“. Brote über Brote laufen auf einem Förderband an der Kamera vorbei. Sie werden vernichtet, weil sie einen Tag alt sind. Da krampft jedes ehrlichen Bäckers Herz. „Stimmt“, sagt Matthias Bergmann. Der Geschäftsführer im Bereich Verkauf der Bäckerei Bergmann, die in Thüringen 45 Filialen betreibt, kennt den Film von Erwin Wagenhofer aus dem Jahr 2006. Was dort zu sehen ist, sei Alltag in einer Bäckerei. Er müsse sich oft fragen lassen, warum man denn überhaupt so viel backe, wenn es dann nicht gekauft werde. Das habe, so Bergmann, mit dem Kaufverhalten der Kundschaft zu tun. Die will halt noch um 19.30 Uhr warme Brötchen oder frisches Brot. Ansonsten wandere sie zur Konkurrenz ab. Die Schattenseite: etwa zehn Prozent in einer Filiale bleibe allein beim Brot übrig.

200 Brote und 5000 Brötchen bleiben pro Tag unverkauft

Das heißt, von 2000 Brotlaiben liegen am Ende des Tages noch 200 in den Regalen. Dazu bleiben 5000 bis 6000 Brötchen übrig. Vernichten? Kommt nicht infrage, sagt Bergmann. Erster Ansprechpartner seien die Tafeln. Aber selbst die könnten unmöglich all das abnehmen, was übrig blieb. Bis vor einiger Zeit gab die Bäckerei pro Woche ein bis zwei Container Brot auch an eine Schweinemästerei oder die Ware landete in einer Biogasanlage. „Das sehen unsere Leute und fragen sich, was das soll“, so Bergmann. Also ersann man in Frömmstedt, dem Stammsitz des Betriebes im Landkreis Sömmerda, einen Plan B. Name: Yestern.day. Ein Wortspiel. „Frisch von gestern“ heißt die Devise in dem neuen Laden, der seit dem 29. November auf dem Ringelberg an sechs Tagen die Woche einen Tag alte Brote, Brötchen und Kuchen verkauft. Mit Erfolg.

In Deutschland landen jährlich 13 Millionen Tonnen Essen im Müll

Gestern, 14.30 Uhr. Eine kleine Schlange hat sich gebildet am Tresen im Vorraum des Discounters Netto. Man greift ordentlich zu, Florian Spangenberg verkauft die tadelsfreie Ware mit einem Lächeln und manch freundlichem Wort. Er vertritt Patrick Bechtloff, der sonst hier das Sagen hat und eigens für dieses sinnvolle Experiment seinen Lebensmittelpunkt von Artern nach Erfurt verlegt hat. Andreas Wied, der im Erfurter Umland lebt, macht auf der Heimfahrt gern regelmäßig Halt am Ringelberg, um bei Yestern.day einzukaufen. Nicht dass er ein Sparfuchs sei. Ihm gefällt vielmehr diese ausgesprochen gute Idee, dass nicht einfach Backwaren weggeworfen würden, nur weil sie einen Tag alt seien. „Ich fände es gut, wenn andere Bäckereien auch diesem nachahmenswerten Beispiel folgen würden“, so Wied.

Es gehe, so Bergmann, nicht darum, Maximalprofit zu erzielen, wie ihm einige unterstellen. Man wolle sich der Wegwerfmentalität nicht ausliefern. In Deutschland, so hat man errechnet, landen jährlich 13 Millionen Tonnen Essen im Müll. Macht 85 Kilo pro Kopf. Darunter eben auch ganz viele Backwaren. Ein Irrsinn. Dem müsse man im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas entgegenstellen, dachte man in Frömmstedt und legte los. Beim Discounter auf dem Ringelberg fand man die Fläche. Die Filiale hat einen unschätzbaren Vorteil. Hier können auch die Tafeln ranfahren und die Backwaren abholen, die sie möchten. Die Theke aus Recyclingholz war schnell gebaut. Mit dem Veterinäramt wurde abgestimmt, was verkauft werden darf.

50 bis 70 Prozent Preisnachlass

Es hat funktioniert. Es kommen, so die Beobachtung der ersten Wochen, auch Leute, die sich schämen zu den Tafeln zu gehen. Für die sollte die Schwelle daher niedrig sein. Es kommen aber genauso Geschäftsleute, Schüler und Berufstätige. Das Angebot überzeugt, man bekommt gute Ware mit 50 bis 70 Prozent Preisnachlass. Das und die Überzeugung, man solle keine unbedenklich genießbaren Lebensmittel vernichten, ergeben eine schöne Melange. Am 23. und 24. Dezember wurde alles verschenkt. Und aus dem Verkaufserlös im Dezember gehen 50 Prozent, summa summarum 1300 Euro, an die Thüringer Arbeitsloseninitiative.

Pilotprojekt soll ausgeweitet werden

Die Bäckerei Bergmann bringt seit dem Start des Projekts etwa ein Siebtel weniger Ware zum Schweinestall oder in die Biogasanlage. Eine Tonne Lebensmittel wurde pro Woche vor der Vernichtung gerettet. „Wir ziehen das Pilotprojekt weiter durch, weil es gut funktioniert. Und wir möchten es nicht nur in Erfurt ausdehnen“, sagt Matthias Bergmann. Er hoffe auf Signalwirkung auf die anderen Anbieter. „Denn es ist und bleibt ein Missstand, Brot, in dem so viel Arbeit steckt, einfach nur wegzuwerfen.“

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