Hart an der Grenze: Vodafone wirbt in Erfurt im Zuge der Umstellung auf DVB-T2

Erfurt  Das Unternehmen nimmt die Umstellung des terrestrischen - mit Antenne empfangbaren - Fernsehens zum Anlass, potenzielle Kunden zu einem Anruf bei einer Service-Hotline zu drängen. Das Schreiben, das jetzt Erfurter erhielten, reizt die Grenzen der Zulässigkeit stark aus.

Briefe wie dieser - hier ein Ausschnitt - landeten diese Woche in Erfurter Briefkästen.

Briefe wie dieser - hier ein Ausschnitt - landeten diese Woche in Erfurter Briefkästen.

Foto: zgt

Der Brief wirkt in seiner Aufmachung wie ein amtliches Schreiben. Oben prangt ein Stempel "Wiederholter Zustellungsversuch" mit Datum und Unterschrift. Eine förmliche Betreffzeile lautet: "DVB-T-Abschaltung erfordert Umstellung auf moderne TV-Versorgung." Am Ende des Schreibens steht in fett hervorgehobener Schrift, dass man sich bis "spätestens 28. 02.2017" melden solle.

Auch wenn das sonst auf Prospekten gut zu sehende rote Firmenlogo fehlt, steht als Absender Vodafone Kabel Deutschland auf dem Brief. Das Unternehmen nimmt die Umstellung des terrestrischen - mit Antenne empfangbaren - Fernsehens zum Anlass, potenzielle Kunden zu einem Anruf bei einer Service-Hotline zu drängen.

Auf die Empfänger wird Druck ausgeübt

"Wir haben schon damit gerechnet, dass Telekommunikationsunternehmen die Umstellung auf den neuen DVB-T-Standard nutzen, um eigene Produkte zu bewerben", sagt Ralf Reichertz von der Verbraucherzentrale Thüringen. Das Schreiben, das jetzt Erfurter erhielten, reizt seiner Meinung nach die Grenzen der Zulässigkeit aber stark aus. Der erwähnte Stempel und die Fristsetzung sollten wohl Druck auf die Empfänger ausüben, bei der genannten Hotline anzurufen. Reichertz weiß aber am Ende nicht, ob er sogar über den Brief lachen soll. "Der erste Satz zeugt von technischer Inkompetenz."

Tatsächlich ist dort von der "Abschaltung des analogen Fernsehdienstes DVB-T", durch die "immer mehr Haushalte auf eine neue TV-Versorgung angewiesen sind", die Rede. Das ist - auch wenn es von einem der größten Telekommunikationsunternehmen Deutschlands kommt - schlicht falsch. Denn DVB-T ist kein prähistorischer, analoger Standard, sondern ein digitales Übertragungssystem für Fernsehen. Ihm folgt nahtlos mit der anstehenden Abschaltung der neue Standard DVB-T2. Das wird allerdings im Brief verschwiegen, auch wenn das eine naheliegende "neue TV-Versorgung" für jene wäre, die sich bisher bewusst für den Antennenempfang und nicht für Satellitenschüssel oder die kostenpflichtigen Kabelangebote entschieden haben.

Ganz unnötig Druck macht Vodafone auch beim Termin. Denn während in Jena DVB-T2 bereits im kommenden März starten soll, sieht der Umrüstplan für Erfurt erst die Zuschaltung für den März 2018 vor, wie ein Extra-Portal des MDR aufführt. Wenn es aber soweit ist, verbessert sich voraussichtlich das kostenlose Fernsehangebot. Das offizielle Informationsprotal verspricht bis zu 40 Programme in HD-Qualität, was es bisher nicht gab. Dafür ist als einmalige Investition aber der Kauf einer neuen Set-Top-Box nötig (ab etwa 40 Euro).

Um einen Preisvergleich zu erhalten, machte diese Zeitung den Test und rief bei der Vodafone-Service-Hotline an. Dem eigenen Angebot wurde aber hier mit Falschinformationen Nachdruck verschafft. So sagte die Dame am Telefon auf die Frage nach kostenlos empfangbaren TV-Programmen: "Das gibt es dann nicht mehr." Außerdem sprach sie von monatlichen Kosten über die Plattform "freenet TV". Letztere gibt es und darüber werden private Sender ihre Programme verschlüsselt und kostenpflichtig anbieten. Die öffentlich-rechtlichen Sender aber bleiben kostenfrei. Bei Vodafone kostet das Grundpaket 14 Euro. Womit sich im Gegenzug die so genannte DVB-T2 Set Top Box als Zusatzgerät für den Fernseher bereits nach drei, vier Monaten amortisiert hat.

Was die neue Marketingmasche von Vodafone betrifft, verweist Verbraucherschützer Ralf Reichertz auf einen Fall in Sachsen, den die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen untersuchte. Hier wurde auf Postkarten der identische "Zustellstempel" gedruckt, was die Verbraucherschützer zum Fazit kommen ließ, dass Vodafone die Kunden "in die Irre führt".

Nach einer Anfrage dieser Zeitung meldete sich Donnerstagnachmittag Vodafone-Sprecherin Heike Koring und sagte, dass die Auslieferung der Briefe gestoppt wurde. Beim Überarbeiten werde der Stempel entfernt und der inhaltliche Fehler korrigiert. Grundsätzlich würden "unterschiedliche Gestaltungsmittel" eingesetzt, um auf Angebote im Kabelnetz aufmerksam zu machen.

  • [Anmerkung der Redaktion: Vodafone Deutschland hat am Freitag auf Twitter mitgeteilt, dass eine interne Überprüfung der Kampagne derzeit laufe: "Ziel ist Beratung, nicht Verunsicherung."]