Antenne Thüringen wird 25: Geschäftsführer Marco Maier im Interview

Weimar  Ein Gespräch über journalistischen Anspruch, Digitalradio und Preis-Erosionen bei Werbung.

Marco Maier ist Geschäftsführer von Antenne Thüringen.

Marco Maier ist Geschäftsführer von Antenne Thüringen.

Foto: Antenne Thüringen

Am 1. Februar 1993 ging mit Antenne Thüringen der erste private Radiosender des Freistaats an den Start. Wir sprachen mit Marco Maier, seit Oktober 2015 Geschäftsführer des Senders.

Wann haben Sie zum ersten Mal Antenne Thüringen gehört?

Schon recht früh, in den 90ern. Wenn man von Aschaffenburg, wo ich herkomme, über Würzburg Richtung Nürnberg fährt, empfängt man auf der A 3 Antenne Thüringen. Da ich schon immer ein großer Radiofreund war und zu der Zeit freier Sportreporter für Radiostationen, lag mir das Zappen im Blut.

Was macht für Sie ein gutes Radioprogramm aus? Und erfüllt Antenne Thüringen diesen Anspruch?

Musik, Information, Regionalität, Unterhaltung – für mich sind die gleichen Faktoren entscheidend wie für die meisten Radiohörer. Ich höre alles quer. Je nach Stimmungslage lande ich auch mal bei reinen Wortprogrammen oder Klassik. Als Tagesbegleiter fühle ich mich aber bei Mainstream-Popformaten am wohlsten. Radiomacher sollten nie vergessen, dass sie das Programm nicht für sich selbst machen, sondern für den Hörer. Trotzdem erfüllt Antenne Thüringen meinen ganz persönlichen Anspruch von Radio. Das ist aber auch kein Wunder, ich bin 46 Jahre alt und liege mitten in unserer Zielgruppe.

Viel Musik, wenig Wortanteil – ist Radio heute eher ein Nebenbei-Medium? Oder haben Sie auch einen journalistischen Anspruch?

Viel Musik und wenig Wortanteil ist nicht ganz korrekt. Der Wortanteil bei Antenne Thüringen liegt über 20 Prozent – das ist schon gewaltig. Darin senden wir unter anderem 45 Minuten Berichterstattung pro Tag aus fünf Regionen. Wir haben halbstündlich Nachrichten, die einem hohen journalistischen Anspruch gerecht werden. Diese Nachrichten verfügen über sehr gute Imagewerte, da müssen wir uns selbst vor den öffentlich-rechtlichen Kollegen nicht verstecken. Die meisten Leute hören Radio allerdings in erster Linie wegen der Musik. Die Musik ist das entscheidende Format, das man aufsetzen muss. Und dann gilt es, mit journalistischen, aber auch unterhaltenden Elementen das Grundbedürfnis der Hörer abzudecken.

„Momentan verfügen nur acht Prozent der Haushalte über ein DAB+-Gerät“

Braucht es aus Ihrer Sicht in Zeiten von Livestream und Podcast überhaupt noch Radio?

Ganz sicher. Die meisten Leute hören auch online immer noch ‚ihr‘ Radioprogramm. Selbst in den Streaming-Angeboten dominieren die Webchannels der bekannten Sendermarken. Unsere Streaming-Angebote erfreuen sich seit rund zwei Jahren eines enormen Wachstums. Und das hat sich in den letzten Monaten noch einmal verstärkt, wofür sicher auch die eigenen Antenne Thüringen-Angebote auf Amazon- und Google-Lautsprechern verantwortlich sind. Wenn man sagt: „Alexa, spiel Antenne Thüringen“, dann kann man alles von Antenne Thüringen hören. Die neuen Streaming-Angebote haben das Hören gefühlt sogar noch ein bisschen attraktiver gemacht. Das Radio leidet nicht darunter, dass diese Angebote gekommen sind, sondern der Bereich Radio/Audio wächst in Summe.

Wir möchten trotzdem ein bisschen Wasser in den Wein gießen: Kürzlich hat uns ein Kollege von einem Privatsender in Thüringen erzählt, dass er zu Hause von seinem Sohn mit Radio Teddy torpediert wird. Das geht doch an den großen Sendern nicht vorbei, oder?

Ich war nicht erfreut, als ich hörte, dass Radio Teddy nach Thüringen kommt. Es gab eine UKW-Frequenzkette, die frei wurde, weil Klassik-Radio Thüringen verlassen hat. Die meisten dieser Frequenzen waren nicht interessant, weil die Leistung zu schwach war. Aber es gab zwei, drei sehr gute Frequenzen, die an Radio Teddy gegangen sind. Wir hatten nicht die Möglichkeit, uns darauf zu bewerben, das Thüringer Landesmediengesetz ließ das nicht zu. Wir mussten chancenlos zur Kenntnis nehmen, wer da zu uns kommt. Das ist auch deshalb ärgerlich, weil es für Thüringen als Wirtschaftsstandort keinen Mehrwert hat: Radio Teddy sitzt in Potsdam, hat keinen einzigen Arbeitsplatz in Thüringen geschaffen und sendet ein Format, das Antenne Thüringen sicherlich Hörer kosten wird. Das ist Wettbewerb. Aber gut finden müssen wir das nicht.

Mit dem Digitalradio DAB+ sind dann ja künftig unzählige Sender zu empfangen. Was halten Sie von der UKW-Abschaltung?

Auch das Thema Digitalradio beobachten wir natürlich sehr genau. Momentan verfügen nur acht Prozent der Haushalte in Thüringen über ein DAB+-Gerät – weniger als im Bundesdurchschnitt. Von diesen acht Prozent sind rund 80 bis 90 Prozent in Oberklassefahrzeugen verbaut, die meistens der Familienvater fährt. Es ist also nicht so, dass in jedem DAB+-Haushalt ein DAB+-Gerät steht. Ich möchte aber auch festhalten, dass wir uns gegen DAB+ nicht grundsätzlich wehren. Wir können es nur im Moment nicht realisieren, weil es als zusätzlicher terrestrischer Übertragungsweg neben UKW einfach zu teuer ist. In unseren Lizenzen steht die Regionalisierung festgeschrieben – das muss bei DAB+ auch umgesetzt werden können. In einer Übergangsphase von UKW nach DAB+ müssen wir beide Wege finanzieren, um keine Reichweite zu verlieren. Die aus unserer Sicht notwendige Förderung für DAB+ gibt es bisher nicht.

Im Gegensatz zu den Öffentlich-Rechtlichen, bei denen das voll finanziert wird...

Wir wissen, dass für DAB+ mittelfristig bis zu 30 Prozent Reichweite prognostiziert werden. Nur fragen wir uns natürlich auch, wie wir denn die über 90 Prozent Reichweite erreichen wollen, die UKW hat. Ich glaube, das funktioniert erst, wenn DAB+ kein eigenständiges Gerät mehr ist, sondern wenn Radio- oder mobile Endgeräte hybrid funktionieren. Wenn sie also sowohl UKW als auch DAB+ empfangen und Wifi-tauglich sind. Ein Freund von mir betreibt in Bayern einen Elektronikfachmarkt. Der hat vor Weihnachten 18 DAB+-Geräte verkauft und über 2600 intelligente Lautsprecher. Wenn die Leute so wenig Digitalradios kaufen, dann muss ich mich doch erst einmal auf das konzentrieren, was sie kaufen, und mein Angebot darauf ausrichten. Und wenn mir die Politik keine Möglichkeiten bietet, auf gleichem Level zu spielen wie die Öffentlich-Rechtlichen, dann kann ich nicht einfach in Vorkasse gehen. Privatradio muss mit spitzem Bleistift kalkulieren. Antenne Thüringen ist gesund, wir sind ein stabiles betriebswirtschaftliches Unternehmen, aber wir machen keine Experimente mit Dingen, die aktuell nicht ausreichend funktionieren und die zumindest eine alte Reichweite ablösen können.

Privatradio hatte in der Anfangsphase den Vorteil, frech zu sein. Doch die Öffentlich-Rechtlichen haben das längst kopiert. Wie betrachten Sie den Wettbewerb aus der Sicht eines Privatsenders?

MDR Jump ist doch das beste Beispiel. Die spielen die tollsten Gewinnspiele und fahren eine Promotion nach der nächsten. Nahezu ihre komplette Besatzung kommt aus dem Privaten – von der Führung bis hin zur Moderation. MDR Jump grenzt sich in nichts von Privatradio ab, außer, dass es gebührenfinanziert ist. Aber das ist eine Situation, die alle Privaten haben. Als Privatradiomann muss ich da schon die Frage stellen, wie viel Gewinnspiel und Promotion mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag und einer Gebührenfinanzierung kompatibel sind. Aber auch das gehört in die Schublade „Wettbewerb“. Jammern hilft nicht.

Ärgert es Sie, dass die Öffentlich-Rechtlichen aus dem Vollen schöpfen können und Sie großen wirtschaftlichen Druck verspüren?

Eigentlich ärgern mich nur zwei Aspekte: Zum einen, dass die Öffentlich-Rechtlichen trotzdem Werbung machen dürfen. Das muss man nicht auf null reduzieren, aber man könnte darüber nachdenken, ob eine Werbezeitenreduzierung beim MDR, analog zu NDR und WDR, sinnvoll wäre. Im Moment fischen die Öffentlich-Rechtlichen zusätzlich zum Rundfunkbeitrag auch im Werbebecken. Das führt immer wieder zu Preiserosionen, die für uns deutlich schmerzhafter sind als für den MDR. Das finde ich nicht gut, das ist eine Verzerrung des Wettbewerbs. Das ist ein Beispiel. DAB+ ist auch eins. Die Öffentlich-Rechtlichen stehen unter einem Schutzschirm. Die Privatsender dagegen müssen sich als betriebswirtschaftliches Unternehmen stetig konsolidieren, während man dieses Gefühl zum Beispiel beim MDR nicht hat.

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.