Berlin. Vor über 100 Jahren ging die Qing-Dynastie unter. Forscher zeigen, woran die Herrscher scheiterten – und was wir daraus lernen können.

Vor über hundert Jahren ging die letzte chinesische Dynastie zu Ende. Die Qing-Dynastie, die von 1644 bis 1912 herrschte, war eine der bedeutendsten und langlebigsten der chinesischen Geschichte. Sie dominierte die Weltwirtschaft und war für etwa ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandsproduktes verantwortlich.

Was genau die Dynastie zum Fall gebracht hat, wird schon lange diskutiert. Einen neuen Beitrag dazu lieferte nun im Fachmagazin „Plos One“ ein Team um Peter Turchin vom Complexity Science Hub (CSH) in Wien mit Kollegen aus China, Japan, den USA und Großbritannien.

Die Forschenden untersuchten den Untergang anhand der wissenschaftlichen Methode „Structural Demographic Theory“ (SDT), die unter anderem von Turchin entwickelt wurde. Dazu sammelten sie historische Daten über China und machten die bisher umfassendste mathematische Analyse zu dem Thema.

Peter Turchin erklärte in einer Mitteilung des CSH: „Es ist von großer Bedeutung zu verstehen, wie diese Instabilität entstand. Es wäre ein Fehler zu denken: Das war damals und kann nicht wieder geschehen. Die Mechanismen hinter Umbrüchen sind erstaunlich ähnlich.“

Der Himmelstempel in Peking war während der Qing-Dynastie ein zentraler Ort für kaiserliche Opferzeremonien, bei denen der Kaiser für eine erfolgreiche Ernte und göttlichen Beistand betete.
Der Himmelstempel in Peking war während der Qing-Dynastie ein zentraler Ort für kaiserliche Opferzeremonien, bei denen der Kaiser für eine erfolgreiche Ernte und göttlichen Beistand betete. © picture alliance / Wiktor Dabkowski | Wiktor Dabkowski

Qing-Dynastie: Sozialer Druck führte zum Untergang

Die SDT-Analyse zeigt, dass es in China zwischen 1700 und 1840 drei bedeutende Entwicklungen gab, die den sozialen Druck über einen längeren Zeitraum hinweg stark erhöhten. Zuerst kam es zu einem Vervierfachung der Bevölkerung, was dazu führte, dass es weniger Land fürs Volk gab und viele Menschen verarmten.

Dazu strebten mehr Menschen Elitepositionen an, wie eine Führungspositionen in der Verwaltung. Während die Anzahl an Bewerbenden anstieg, verringerte sich die Zahl an akademischen Abschlüssen. Jedoch war ein hoher akademischer Abschluss notwendig, um eine Position in der chinesischen Bürokratie zu erhalten.

Qing-Dynastie: Unruhen und Bürgerkrieg

Die schwierige Arbeitslandschaft stieß bei vielen Anwärter auf Unzufriedenheit. Sie war wohlmöglich die Triebkraft für blutige Aufstände und Bürgerkriege. „Die Anführer des Taiping-Aufstands, vielleicht der blutigste Bürgerkrieg in der Menschheitsgeschichte, gehörten alle zu diesen gescheiterten Elite-Anwärtern“, heißt es in der Mitteilung.

Um diese Unruhen zu unterdrücken, gab der Staat Unmengen Geld aus. Gleichzeitig bekam die Dynastie wirtschaftliche Probleme. Durch schwindende Silbervorräte und steigende Opiumimporte sank die wirtschaftliche Produktivität pro Kopf und das Handelsdefizit stieg an – es gab mehr Importe als Exporte.

Qing-Dynastie: Maßnahmen konnten Untergang nicht verhindern

Die sozialen Spannungen erreichten laut Forschenden schon zwischen 1840 und 1890 ihren Höhepunkt – mehr als 20 Jahre vor dem Fall der Dynastie. „Die Annahme, dass die Qing-Herrscher von diesem wachsenden Druck nichts wussten, wäre falsch“, erklärt Turchin. Dass die Herrschaft danach noch weiter bestehen konnte, unterstreiche wie robust die institutionellen Strukturen gewesen sein müssen, heißt es in der Mitteilung.

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Die Qing-Regierung versuchte mit Maßnahmen gegen die Spannungen vorzugehen, wie zum Beispiel mit der Hungervorbeugung, der Bekämpfung von Aufständen und Verwaltungsreformen.

Dennoch konnte sie die destabilisierenden Entwicklungen nicht aufhalten und verschärfte teilweise die Spannungen. „Mit dem Aufkommen mächtiger geopolitischer Herausforderer im späten 19. Jahrhundert konnten die Herrscher letztendlich ihren Untergang nicht verhindern“, so die Forschenden.

Qing-Dynastie: Parallelen zur heutigen Zeit

Mit diesem Untergang ist die Qing-Dynastie kein Einzelfall. Die Forschenden sehen Parallelen zwischen dem Untergang der Dynastie und dem Niedergang des zaristischen Russlands unter der Romanow-Dynastie (1613-1917). Sie weisen auch darauf hin, dass ähnliche Entwicklungen heute in einigen Staaten zu beobachten sind, darunter die USA, Japan, China und Italien.

Die beunruhigteste Parallele gäbe es bei der Überproduktion der Elite, erklärt Georg Orlandi, der Erstautor der Studie, unserer Redaktion und erklärt es am Beispiel Chinas: „In den letzten zwei Jahren hat China eine Rekordzahl von Hochschulabsolventen verzeichnet, insgesamt 9 Millionen Personen.“ Durch die schlechte wirtschaftliche Lage, haben jedoch die meisten keine Arbeit gefunden.

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Auch in Italien sei das Phänomen zu beobachten. Jährlich sollen hier rund 50.000 junge Menschen das Land verlassen, auf der Suche nach einer besseren Perspektive.

„Wenn eine große Anzahl von Individuen um eine begrenzte Anzahl von Positionen konkurriert, sollten politische Entscheidungsträger dies als Warnsignal betrachten, da dies zumindest zu erhöhter Instabilität führen kann“, warnt Orlandi.

Qing-Dynastie: Große Gemeinsamkeiten mit Japan

Und auch zu Japan gäbe es alarmierende Gemeinsamkeiten. „Junge japanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen sich einer düsteren Arbeitslandschaft gegenüber“, sagt Orlandi. Seit Jahrzehnten steige die Anzahl an Doktoranden, während die Nachfrage gleichzeitig kontinuierlich sinkt.

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Dazu spielen auch die familiären Verstrickungen in der Politik eine entscheidende Rolle. „Seit der Nachkriegszeit bis zum heutigen Tag ist nur bei sechs ehemalige Ministerpräsidenten die Abstammung nicht auf den einflussreichen Ōkubo Toshimichi zurückführen“, erläutert Orlandi. Dadurch werden Unruhen in der Elite wahrscheinlicher.

Qing-Dynastie: Müssen „wachsam sein“

Die Schlussfolgerung aus dieser Studie ist deutlich: „Ohne langfristige Visionen und gezielte Strategien zur Entschärfung dieses sozialen Drucks besteht für viele Regionen die Gefahr, den gleichen Weg einzuschlagen wie die Qing-Dynastie“, betont CSH-Forscher Daniel Hoyer in der Mitteilung. „Dies zeigt deutlich, dass jede Wirtschaft wachsam sein muss, da sich die Umstände ändern können, manchmal sogar recht schnell“, betont Orlandi.

Die Forschenden betonen, dass sie keine Propheten seien, sondern Dynamiken verstehen wollen, um mögliche Vorhersagen zu machen. Die SDT-Methode wurde bereits mehrfach in der Vergangenheit angewendet. 2010 sagte sie zum Beispiel Instabilität in den USA im Jahr 2020 voraus. Eine Vorhersage, die sich bestätigte.