"Ist in Erfurt der Fahrplan gestört, wackelt bundesweit das Bahnnetz"

Erfurt. Burkhard Brandenburg von der Deutschen Bahn Projektbau GmbH ist für den Umbau des Bahnknotens Erfurt zuständig.

Hobbymaler Matthias Fischer geht mit den Reisenden im Warteraum auf Zeitreise. Noch bis vor wenigen Jahren bot sich dieser Blick in Fahrtrichtung Vieselbach.

Hobbymaler Matthias Fischer geht mit den Reisenden im Warteraum auf Zeitreise. Noch bis vor wenigen Jahren bot sich dieser Blick in Fahrtrichtung Vieselbach.

Foto: zgt

Beim Blick auf den hochmodernen Erfurter Hauptbahnhof - er wurde zwischen 2002 und 2008 umgebaut - fragt sich so mancher, warum die Bahn noch Millionen für den Bahnknoten Erfurt ausgibt. Doch ohne eine Einbindung des riesigen Bahnknotens ins Netz der Bahn gäbe es keine "Hochleistungsstrecke VDE 8" von Nürnberg nach Berlin. Und von einer Halbierung der Reisezeiten ab 2015 könnte keine Rede sein. Für den Bahnknoten zuständig ist Burkhard Brandenburg.

Was macht der Chef eines Bahnknotens?

Wir legen Bauabläufe und Terminpläne fest, sind für Gutachten, Gleisbau oder die Verkehrselektronik zuständig. Und wir kümmern uns um die Bauüberwachung. Jede Woche ist Bauberatung. Der Koordinierungsaufwand ist hoch. Dutzende Firmen sind auf dem Bahnknoten Erfurt beschäftigt, alle müssen unter einen Hut. 300 Leute und mehr. Von der Bahn, den Baufirmen, den Ingenieurbüros. Unsere wichtigste Aufgabe ist, dass alle Baustufen ineinander greifen. Zwischen Bischleben und Vieselbach muss alles, was neu entstand, eingefädelt und passend gemacht werden.

Die Bahn gibt gigantische Summen aus.

480 Millionen Euro für den Knoten Erfurt. Darin stecken das Bahnhofsgebäude, 13 Brücken, kilometerlanger Gleisbau, Elektronik, über 100 Weichen, der Schallschutz, für den mehr als 18 Kilometer Lärmschutzwände errichtet werden. Der finanzielle Rahmen ist abgesteckt und vom Bund freigegeben. Überwacht wird das Projekt vom Eisenbahnbundesamt.

Neun Baustufen gibt es zwischen 2008 und 2017. Wie weit sind Sie?

Fünf Baustufen sind Geschichte. Vier kommen noch. Ein sehr sportliches Ziel.

Dieses Jahr gab es in Erfurt zu Pfingsten bereits eine Vollsperrung. Warum folgt im Herbst eine weitere?

Weil weitere neu gebaute Streckenteile, Gleise und Signale zwischen Vieselbach und Erfurt eingebunden und aufgeschaltet werden. Wegen des Erfurter Weihnachtsmarktes verlegen wir die dreitägige Sperrung eine Woche vor und beginnen am 23. November. Zu Pfingsten wird es künftig keine Sperrungen mehr geben, sie finden nur noch im Spätherbst statt.

Dann verbringen Sie das nächste Pfingstfest zu Hause?

Erstmals seit drei Jahren.

Was passiert nach der Vollsperrung im November 2015?

Die neue Strecke 8.2 von Erfurt nach Leipzig/Halle geht offiziell in Betrieb. Sie zweigt hinter Vieselbach Richtung Norden ab. Seit Montag ist die neu gebaute Strecke unter Strom, jetzt rollen auch schnelle Züge im Testverkehr.

Und 2017?

Dann ist in den Knoten Erfurt auch die Neubaustrecke eingebunden, die aus dem Thüringer Wald aus Richtung Ilmenau nach Erfurt reinführt. Dort werden derzeit Schienen auf dem Untergrund ausgebracht, 6,6 Kilometer pro Woche.

Wie kommen sie an Ort und Stelle?

Über Erfurt - auf 120 Meter langen Güterzügen, die mit drei Lagen Schienen bestückt sind. Erfurt ist unsere wichtigste Materialzufahrt. Die Fracht kommt aus mehreren großen deutschen Schienenwerken. Der Transport ist auch logistisch eine große Herausforderung.

Es laufen parallel zu den Arbeiten an den Neubaustrecken viele weitere Baumaßnahmen. Stichwort passiver Schallschutz. Sind Sie auch dafür zuständig?

Wir haben ein Ingenieurbüro aus Dresden gebunden, das auch die Anspruchsberechtigten betreut. Es sind in Erfurt über 2000. Wohnungsgesellschaften, Hauseigentümer, Mieter. Wir lassen Schallschutzfenster oder spezielle Lüftungen einbauen, um einen ungestörten Schlaf bei geschlossenen Fenstern zu gewährleisten.

Hat die Bevölkerung Verständnis ?

Ja, die Erfurter spielen mit. Ich glaube, sie wissen auch, was sie bekommen: Arbeitsplätze, eine hochmoderne Infrastruktur, und Verkehrsanbindungen, die ihresgleichen suchen.

Ist das nicht etwas hochgestochen?

Es beginnt gerade ein neues Eisenbahn-Zeitalter. Der Knoten in Erfurt ist eines der wenigen ICE-Kreuze in Deutschland, alle benachbarten Bundesländer hängen mit dran. Wenn der Knoten fertig ist - noch vor Leipzig - ist Erfurt ein Dreh- und Angelpunkt im Bahnverkehr. Im Minutentakt werden Züge reinkommen. Ist in Erfurt der Fahrplan gestört, wackelt das bundesdeutsche Bahnnetz.

Es laufen größere Bahn-Baumaßnahmen, die nicht direkt zum Bahnknoten gehören?

Die Brücke Azmannsdorfer Weg. Und das Projekt DB Netz-Güterbahnhof. Güterbahnhof und Stellwerkstechnik werden umgerüstet auf EOW, elektrisch ortsbediente Weichen, die ohne Stellwerk direkt am Weichen-Ort betrieben werden können.

Koordinieren Sie das mit den Planungen für die ICE-City?

Ja. Damit wir nicht - zum Beispiel - Betriebsschalthäuser dorthin setzen, wo mal ein Hotel stehen soll. Wir sind mit der LEG in Kontakt.

Sehen Sie die ICE-City als Chance für Erfurt?

Unbedingt. Als Riesenchance.

Wie weit sind die Arbeiten am Azmannsdorfer Weg?

Er wird in zwei Etappen abgerissen und durch zwei neue Bauwerke ersetzt. Der Nordteil 2015, der Südteil 2016. Es war klug von der Stadt, dass sie diese Chance genutzt hat. Sonst hätten wir die neuen Gleise über das alte Bauwerk verlegt. Jetzt wird Erfurt eine vollwertige, moderne Unterquerung der Bahnanlagen bekommen.

Sie haben schon Großprojekte wie den Mittelabschnitt der Saalebahn geleitet und sind seit sechs Jahren Chef des Erfurter Bahnknotens. Wollten Sie mal hinwerfen?

Nein. Ich wollte gern dieses Vorhaben leiten. Es ist eine Herausforderung, meist greift alles gut ineinander. Bei einem solchen Großprojekt läuft es so: Entweder man fängt an, es zu hassen und haut irgendwann ab. Oder man fängt an, es zu lieben. Ich will es ans Ziel bringen. Ich will mit allen am Projekt Beteiligten die Früchte unserer erfolgreichen Arbeit ernten.