Künstlicher Stau an Stadteinfahrten soll die Erfurter Luft verbessern

Erfurt. Um Erfurt von Autoabgasen zu entlasten, soll der Pendlerverkehr künftig am Stadtrand abgefangen und durch den Ampeltakt so dosiert werden, dass er auf dem weiteren Weg ins Stadtzentrum flüssiger rollen kann.

Frank Helbing (links) und Frank Rupprecht bedienen den Verkehrsrechner. Foto: Holger Wetzel

Frank Helbing (links) und Frank Rupprecht bedienen den Verkehrsrechner. Foto: Holger Wetzel

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Das Vorhaben mit dem Namen "umweltsensitive Verkehrssteuerung" soll bis 2018 umgesetzt werden und ist mit Investitionen von 4,5 Millionen Euro verbunden, von denen 80 Prozent gefördert werden.

Ein Pilotprojekt an der Leipziger Straße habe nachgewiesen, dass mit dieser Methode die Belastung durch Stickoxid und Feinstaub in der Kernstadt, aber auch insgesamt reduziert werden kann, sagt Frank Rupp­recht, der Erfurter Abteilungsleiter Verkehr. Die Methode soll nun auf die etwa zehn wichtigsten Einfallstraßen sowie auf ähnlich viele Schleichwege angewendet werden.

Bei dem Pilotprojekt wurde der stadteinwärtige Verkehr der Leipziger Straße am Knotenpunkt Alter Nordhäuser Bahnhof im morgendlichen Berufsverkehr angestaut: Die Grünphasen dauerten nur noch 24 statt 40 Sekunden und ließen nur noch 12 statt regulär 20 Autos durch.

Weil der Verkehr hinter der Kreuzung deutlich flüssiger lief, stießen die Autos in dem dichter bebauten, zentrumsnahen Abschnitt der Straße ein Viertel weniger Schadstoffe aus. Dies entsprach dem Ziel: Vor allem die Anwohner sollten weniger Schadstoffe ertragen müssen.

Die Ergebnisse aus den extra aufgestellten Messstationen zeigen, dass aber auch über die gesamte Strecke hinweg etwas weniger Stickoxide und Feinstaub produziert wurden. Die Messstationen standen sowohl im Kernstadt- als auch im Rückstaubereich direkt an der Straße.

Als einfache Regel gilt: Je mehr die Autos rollen, desto weniger Schadstoffe stoßen sie aus. "Bei der Zufahrtsdosierung entstand kein statischer Stau", sagt Frank Helbing, Verkehrsmanager bei der Stadt. "Es gab daher nicht so viele scharfe Anfahrvorgänge." Wurde der Rückstau zu groß, griffen die Verkehrsmanager ein und verlängerten die Grünphasen wieder.

Autofahrer benötigten im Pilotprojekt allerdings mehr Zeit, um ins Zentrum zu gelangen. Ihr Fortkommen wurde am Staupunkt um durchschnittlich vier Minuten verzögert. Zweieinhalb Minuten holten sie hinter dem Knoten wieder auf. "Der Netto-Zeitverlust von anderthalb Minuten ist de facto nicht spürbar", meint Frank Helbing.

Dosierung für Berufsverkehr am Morgen

Bei einem weiteren Pilotprojekt, das im Bereich von Bergstraße und Talstraße stattfand, sollten mehrere Ampeln besser aufeinander und an die kreuzende Straßenbahn angepasst werden. Da es sich um eine Feinabstimmung handelte, fiel die Verbesserung gering aus. Der Verkehr wurde aber noch flüssiger, und die Grenzwerte des Feinstaubausstoßes wurden an zwei Tagen weniger überschritten.

Bei den Pilotprojekten wurde der Verkehr manuell am Verkehrsrechner dosiert. Bei einer stadtweiten Umsetzung soll die Steuerung inklusive Rückstauüberwachung automatisch erfolgen. Die Dosierung solle vor allem im morgendlichen Berufsverkehr aktiviert werden und auch nur dann, wenn der Bedarf besteht, sagt Helbing.

Die Investitionen von 4,5 Millionen Euro sind für die Planung, die Ertüchtigung der Ampeln, die Steuergeräte und neue Messstellen nötig. Dabei entstehe ein höchst erwünschter Nebeneffekt, sagt der Verkehrsleiter Rupprecht. Viele Erfurter Ampeln wurden nach der Wende angeschafft und haben einen dringenden Sanierungsbedarf. Ersatzteile gibt es kaum noch. "Sie sind tickende Zeitbomben", sagt Rupprecht.

80 Prozent der Investitionen erhofft sich Erfurt von Europamitteln, die über das Land ausgereicht werden. In den Stadthaushalt müssten bis 2018 pro Jahr rund 225.000 Euro eingestellt werden.

Die beiden Pilotprojekte wurden gemeinsam mit der Bauhaus-Uni Weimar und mit der Unterstützung des Thüringer Verkehrsministeriums durchgeführt. Da sie sich bewährt haben, soll die Methode nun stadtweit eingesetzt werden.

Das Vorhaben wird im Kooperationsvertrag der rot-rot-grünen Stadtrats-Mehrheit ausdrücklich unterstützt. Da der CDU-Stadtrat Jörg Kallenbach im Verkehrsministerium arbeitet und das Projekt von dort aus mit betreut, ist auch von der CDU Rückenwind für die neue Verkehrssteuerung zu erwarten.

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