Biss zum Morgengrauen: Der Wolf erregt die Gemüter – wieder einmal

In Niedersachsen wurde ein Mann womöglich von einem Wolf angegriffen. Bestätigt sich der Verdacht, wird das Tier gejagt.

Erstmals hat ein Wolf offenbar in Niedersachsen einen Menschen angegriffen. Archivfoto: Carsten Rehder/dpa

Erstmals hat ein Wolf offenbar in Niedersachsen einen Menschen angegriffen. Archivfoto: Carsten Rehder/dpa

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Der Jäger und Politiker Egon Primas aus Gebra bei Nordhausen mag es manchmal rustikal. Zum Wolf beispielsweise hat sich der Agrarexperte der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag kürzlich deftig geäußert: Es werde wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis der Räuber eine Oma erbeute.

Momentan könnte sich diese Prognose als Irrtum erweisen. Deutschlands erstes Wolfsopfer der letzten zwei Jahrhunderte ist möglicherweise keine Großmutter, sondern ein 55-jähriger Gemeindearbeiter aus Bülstedt in Niedersachsen, der in der Früh am Friedhofszaun werkelte.

„Es geht ihm wieder ganz gut. Aber ich habe ihn erst mal auf Ruhe gestellt“, sagte Bürgermeister Jochen Albinger am Mittwoch unserer Zeitung. „Er hat eine Fleischwunde im Unterarm. Wie ein leichter Hundebiss. Wir wissen noch nicht genau, was es war.“

Vielleicht wird sich heute schon erweisen, ob ein Wolf zugelangt hat oder doch ein sehr großer Hund. Denn mächtige Hunde gibt es auch bei Bülstedt. Der Gentest im Gelnhäuser Senckenberg-Institut bei Frankfurt am Main läuft seit Mittwoch auf Hochtouren. Spuren klebten auch an dem Hammer, mit dem der 55-Jährige die Vorderpfote des Tieres erwischt hat. „Es jaulte“, weiß Bürgermeister Albinger. Dann flüchtete das Tier.

Der Friedhof von Bülstedt liegt am Rande der kleinen Gemeinde zwischen Bremen und Hamburg. Gleich dahinter erstreckt sich ein riesiges Moor- und Waldgebiet. „Die Ecke passt schon für Wölfe“, sagt Albinger. „Da ist Ruhe, da kommt keiner hin.“

Drei weitere Wölfe hätten das Geschehen beobachtet

Der Bürgermeister kennt die Geschichte des Verletzten so: Der Gemeindearbeiter arbeitete früh morgens allein am Friedhofszaun. Er kniete. Als er hinter sich ein Werkzeug greifen wollte, wurde sein Arm festgehalten. Er blickte sich um und sah das Tier. Das schnappte zu.

Drei weitere Wölfe hätten das Geschehen abwartend aus einiger Entfernung beobachtet, gab der Gemeindearbeiter zu Protokoll. Auch sie rannten weg.

„Wölfe sind mit Sicherheit hier, sie wurden schon gesichtet“, sagt Bürgermeister Albinger. Im Dorf lebe zwar ein großer grauer irischer Wolfshund, doch der sei bisher nicht auffällig gewesen und außerdem im Ort bekannt. Eine Verwechslung sei daher auszuschließen.

Es ist wie in Thüringen im vergangenen Jahr, als die Ohrdrufer Wölfin auf Beutezug ging und mehr als 80 Schafe und Ziegen riss. Bei Gossel schlug sie besonders heftig zu. Manche Eltern hatten daraufhin Angst um ihre Kinder und ließen sie, besonders die kleinen, nicht mehr draußen spielen, schon gar nicht allein und in der Nähe des Waldes.

„Ich habe jetzt das erste Mal die Straßenlaternen nachts brennen lassen“, sagte Bülstedts Bürgermeister Albinger. Wer den Wald betrete, möge Pfefferspray und Trillerpfeife mit sich führen. Albinger, selbst Jäger, rät Besuchern: „Geht mit dem Wind im Rücken in den Wald. Dann riechen euch die Tiere auf 500 Meter Entfernung. So wird es nie zu einer Tier-Mensch-Begegnung kommen. So geht man sich aus dem Weg, ohne sich zu sehen.“

„Lebensräume von Mensch und Wolf wachsen immer mehr zusammen“

Für den Bürgermeister steht fest: „Die Lebensräume von Mensch und Wolf wachsen immer mehr zusammen. Wir müssen darauf reagieren, indem wir unser Verhalten anpassen. Es gibt viele Dinge, die früher selbstverständlich für uns waren, die wir aber in der Zwischenzeit vergessen haben.“

Wie sehr die Lebensräume zusammenwachsen – auch mit Folgen für Thüringen – belegt ein Blick nach Brandenburg. In nur zwölf Jahren haben Wölfe weite Teile des Landes für sich erschlossen. 2006 wurde das erste Wolfsterritorium in Brandenburg festgestellt. Aktuell sind es mindestens 38 Territorien, besetzt von 37 Rudeln sowie einem Wolfspaar. Vor einem Jahr waren es erst 26 Rudel.

Überall in Deutschland breiten sich die Wölfe aus, die 2000 aus Polen in die Lausitz kamen. Aus Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gibt es in diesem Jahr erste Hinweise, dass sich Wölfe angesiedelt haben.

Auch in Sachsen breiten sich die Rudel aus. Thüringen ist im Norden wie Osten von Ländern mit ständig stark wachsender Wolfspopulation umgeben.

In der Rhön, kurz hinter der thüringisch-bayrischen Grenze, wurde neulich ein Wolf aus Brandenburg genetisch bestimmt. Das Tier wird vermutlich durch Thüringen gelaufen sein. 200 Kilometer am Tag kann ein Wolf ohne Probleme zurücklegen.

Experten sind deshalb überzeugt, dass es nicht mehr lange dauert, bis in Thüringen weitere Wolfsterritorien besetzt sein werden.

Bereits in diesem Jahr wurden vereinzelte das Land durchstreifende Tiere gemeldet. Wolfsland ist Thüringen seit 2014, als die Wölfin bei Ohrdruf erschien.

Eine entscheidende Frage ist: Wie soll künftig mit der streng geschützten Art verfahren werden? Soll der Wolf weiterhin absoluten Schutz genießen? Soll man lediglich so genannte Problemwölfe töten dürfen? Oder soll es darüber hinaus eine legale Möglichkeit geben, Wölfe zu töten, um den Bestand der Gesamtpopulation zu regulieren?

Derzeit genießt der Wolf allerhöchsten Schutz in fast allen Ländern der EU. Nur Polen ist aus ehemaligen Beitrittsgründen eine Ausnahme. Dieser absolute Schutz wird allen Arten zuteil, die in Anhang IV der so genannten Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) aufgelistet sind.

Schutzstatus wird alle sechs Jahre neu festgelegt

Alle sechs Jahre wird dieser Schutzstatus neu festgelegt. 2019 wird die EU-Kommission in Brüssel das nächste Mal entscheiden, ob der Wolf in Anhang IV der FFH-Richtlinie verbleiben soll. Dann bliebe der Wolf bis mindestens 2025 absolut geschützt. Abschüsse zur Bestandsregulierung wären weiter bei Freiheitsstrafe verboten.

Auf die Entwicklung der Wolfspopulation in Deutschland könnte ein solcher EU-Beschluss Auswirkungen haben.

Derzeit gebe es in Deutschland etwa 1000 erwachsene fortpflanzungsfähige Tiere, bestätigt der Wolfsbeauftragte des Landes Niedersachsen, Raoul Reding, unserer Zeitung. Seit dem Jahr 2000 bis heute wurden in Deutschland mindestens 1370 Wolfswelpen geboren. Die Anzahl dürfte sich, wenn die aktuelle Zählung im April 2019 beendet sein wird, auf schätzungsweise 1500 Welpen erhöhen.

Da sich der Wolfsbestand erfahrungsgemäß alle drei Jahre verdoppelt, ist davon auszugehen, dass im Jahr 2025, am Ende des nächsten FFH-Zyklus, etwa 4000 Wölfe in Deutschland leben werden.

Das müsse verhindert werden, fordert nicht nur, und zwar seit langem, die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag. Auch Tilo Kummer (Linke), Vorsitzender des Umweltausschusses im Landtag, plädiert dafür, den Schutzstatus des Wolfes zu senken. Der bisher in ganz Europa bestehende absolute Schutz sei nicht mehr sachgerecht, sagt Kummer. „Wir müssen auf europäischer Ebene bei Wölfen ein Management schaffen, damit wir rechtzeitig eingreifen können.“

Für das niedersächsische Umweltministerium ist das momentan Zukunftsmusik. Dort gilt aus aktuellem Anlass ein Alarmplan für Bülstedt. Sollte der DNA-Test einen Wolf identifizieren, müsse das Tier im Rahmen der Gefahrenabwehr so schnell wie möglich getötet werden, hieß es am Mittwoch in Hannover.

Die Meinungen der Experten lassen derzeit mehrere Schlussfolgerungen zu. Momentan würden viele Wolfssichtungen gemeldet, sagt Bettina Dörr vom Wolfsbüro Niedersachsen. Viele Jungtiere, die im Mai geboren wurden und die sich nun von den Eltertieren emanzipierten, seien unterwegs. „Sie sind nicht so vorsichtig und neugieriger als der Rest im Rudel.“

Tier in Niedersachsen wurde als schwarz beschrieben

Betont skeptisch äußerte sich hingegen Wolfsberater Hermann Fehnker im Gespräch mit NDR 1 Niedersachsen. Dass zumindest eines der vier Tiere als schwarz beschrieben wurde, sei „sehr verdächtig“.

Tatsächlich kommen in der Natur auch schwarze Wölfe vor. „Es gibt sie in Nordamerika, und sie hatten ihren Ursprung in Europa“, sagt Niedersachsens Wolfsberater Raoul Reding. „Die Färbung geht auf Kreuzungen mit Hunden zurück. Sie wird rezessiv vererbt und taucht in der Populationen manchmal wieder auf.“ Allerdings, so Reding, kenne er aktuell keine schwarzen Wölfe in Europa. „Ich schließe das aber nicht aus.“

Dass Wölfe Menschen nicht attackieren, stimmt grundsätzlich nicht. In Europa habe es zwischen 1950 und 2000 neun Todesfälle durch Wölfe gegeben, berichtete Marie Neuwald vom Naturschutzbund Nabu am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. „Fünf der Wölfe waren tollwütig, die anderen vier waren wahrscheinlich zuvor angefüttert worden.“ Die Sicherheit des Menschen habe oberste Priorität. „Seit der Rückkehr der Tiere ist uns aus Deutschland keine einzige gefährliche Situation bekannt“, sagte Neuwald.

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