Mathematiker Michael Kunkel : "Weltuntergang ist jedes Jahr"

Alle Jahre wieder prophezeien Wahrsager und Hellseher das Blaue vom Himmel herab - mit mäßiger Erfolgsquote. Auch 2012 wird der Mathematiker Michael Kunkel die schillernde Szene beobachten. Hanno Müller sprach mit ihm über den Weltuntergang 2012.

Weltuntergang 2012: Vulkanausbrüche, Erdbeben und sonstige Naturkatastrophen. Alle Jahre wieder wird der Weltuntergang vorausgesagt. Foto: Archiv

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Herr Kunkel, welches ist die abgefahrenste Vorhersage für 2012, die ihnen bisher untergekommen ist?

Ein ganz heller Mensch behauptet, ab 2012 würden Zeitreisen möglich werden, und erfunden würde dies in der Schweiz und in Australien. Man muss dazu wissen, dass es sich um einen Reisebürobetreiber handelt, der seine Reisen nach Australien in diesem Jahr mit der Option eines Zeitreisetests verkauft. Ist doch herzallerliebst.

Wie fällt Ihr Jahresrückblick 2011 der ausgebliebenen Ereignisse aus?

Es wurden wie immer viele Erdbeben, Vulkanausbrüche und sonstige Naturkatastrophen vorhergesagt. Rom sollte am 11. Mai durch ein Erdbeben zerstört werden, ebenso Thailand. Und natürlich sollte wie jedes Jahr die Welt untergehen - 2011 spätestens am 21. Oktober. Alles haltlos. Von der Wissenschaft wissen wir, dass die Katastrophen-Häufigkeit in den letzten 20, 30 Jahren nicht zugenommen hat. Zu nahm lediglich die Berichterstattung.

Einer der Hellseher behauptete, er habe Fukushima vorhergesagt?

Blair Robertson. Und wie war es wirklich? Am Tag des Erdbebens hatte er einen Auftritt in Kanada und vorab einen versiegelten Umschlag dorthin geschickt. Beim Öffnen seines Briefes durfte er natürlich helfen und – siehe da – es fanden sich aktuelle Schlagzeilen in dem versiegelten Umschlag, offensichtlich auch etwas von Erdbeben und Tsunami in Japan. Ein billiger Zaubertrick, vermutlich war der Umschlag leer. Über die Atomkatastrophe hatte er allerdings noch nichts im Ärmel, die war da nämlich noch nicht bekannt.

2010 brachte Orakel-Krake Paul immerhin noch etwas tierischen Charme in die Szene. Was motiviert Sie, sich all den Unsinn immer wieder anzutun?

Es gibt einen gewissen Spaßfaktor. Viele Prognosen sind lustig, die Vorstellung, sie könnten wirklich passieren, ist zumindest unterhaltsam. Ich habe schon als Jugendlicher Nostradamus gelesen und mich über den ganzen Quatsch amüsiert - oder einfach nur gewundert. Irgendwann hört der Spaß aber auf, etwa, wenn mit der Angst vor allem junger Leute gespielt oder sogar Geld gemacht wird. Wer als Erwachsener an so etwas wie den Weltuntergang glaubt, hat vermutlich noch andere Probleme.

Was treibt die Hellseher?

Sogenannte Astrologen freuen sich, wenn sie mal so etwas wie einen Treffer landen, das ist dann eine gute Werbung für ihre angeblichen Dienstleistungen. Dass sie bei hundert anderen Sachen daneben lagen, erzählen sie nicht. So sollen Methoden legitimiert werden, die nicht funktionieren.

Wer allerdings jedes Jahr einen Börsencrash oder ein Hochwasser in Bangladesh ankündigt, kann vermutlich mal richtig liegen.

Angeblich winken millionenschwere Preisgelder?

James Randi, ein ehemaliger Zauberer – manche nennen ihn auch den David Copperfield der 70er – hat als absoluter Gegner der Pseudowissenschaften tatsächlich vor 7 Jahren die One Million Dollar Paranormal Challenge ausgelobt. Danach bekommen die- oder derjenige eine Millionen Dollar, die unter kontrollierten Bedingungen eine paranormale, telepathische oder hellseherische Fähigkeit nachweisen. Versucht haben es schon viele, geschafft hat es bisher keiner.

Warum kann man die Zukunft nicht vorhersagen?

Man kann sie vorhersagen. Wir wissen genau, wo welcher Planet in sieben Jahren, drei Tagen und 15 Minuten stehen wird. Physik, Chemie lassen sich berechnen. Aber nicht das, was menschengemacht ist.

Hat Sie je eine Prognose wirklich überrascht?

Auf den ersten Blick wirkt manches durchaus verblüffend. Bis man darüber nachdenkt. Menschen können nur schlecht Wahrscheinlichkeiten berechnen, selbst wenn sie es, wie ich als Mathematiker, jahrelang trainieren. Vor Jahren sagte eine Wahrsagerin im Fernsehen einen Terroranschlag in London voraus. Es gab tatsächlich einen. Da war ich zunächst überrascht, stellte dann aber fest, dass es in den Monaten vorher alle zwei Wochen Meldungen über vereitelte Anschläge in England gab. Damit war die Prognose eher naheliegend.

Warum wollen eigentlich normale Menschen unbedingt heute schon wissen, was morgen sein wird?

Dafür fallen mir gute Gründe ein, man denke nur an die Börse. Die Zukunft ist generell unsicher, wir wissen nicht, was kommt, hätten aber gern Sicherheit. Wahrsager tun so, als könnten sie die bieten. Es gibt da so eine Art Placebo-Effekt. Vielen Menschen reicht es schon, wenn ihnen jemand was Nettes über die Zukunft sagt. Nur ist das eher selten. Die meisten Hellseher sind vor allem Schwarzmaler.

Man könnte es doch auch so sehen: Propheten ermahnen, appelieren an unser Mitgefühl, sie trösten oder reden den Menschen ins Gewissen - warum muss man unbedingt davor warnen?

Kann man den Mund halten, wenn Unsinn als absolute Wahrheit verkauft wird? In den Propheterien steckt eine große Suchtgefahr, manche geben ihre ganzen Ersparnisse dafür aus. Und das bei Dilettanten, die meist nicht einmal eine Beraterausbildung haben. Zudem macht mich der Zynismus mancher Wahrsager wütend. Da behauptet jemand, er könne Erdbeben vorhersagen, mache es aber nicht, weil das im internationalen Maßstab viel zu aufwendig wäre. Der Mann könnte immerhin Zehntausenden das Leben retten. Zu viel Aufwand? Dann soll er doch die Klappe halten.

Wer ist erfolgreicher - Sie als Wahrsagerchecker oder die Hellseher?

Wir merken, dass die Astrologen hierzulande vorsichtiger werden. Vor Jahren wurde vorausgesagt, Stuttgart werde im nächsten Jahr im atomaren Feuer versinken. Das traut sich heute keiner mehr. Keiner will sich mehr mit etwas halbwegs Konkretem packen lassen, je schwammiger, desto besser. Die meistgen knalligen Prognosen kommen aus dem Ausland.

Auch unsere Zeitung hat - mit namhaften Thüringer Experten und Wissenschaftlern - orakelt. Wenn ein Soziologe sagt, die Piratenpartei werde die politische Enttäuschung des Jahres 2012 - Hellseherei oder Weitsicht?

Das ist doch sehr allgemein formuliert. Was heißt enttäuschend? Und für wen? Für ein Piraten-Mitglied mag es enttäuschend sein, wenn seine Partei bei einer der nächsten Wahlen scheitert, mir dagegen ist das ziemlich egal.

Ihre Prognose für 2012?

Die Welt geht nicht unter - trotz Maya-Kalender, der schon mal am 28.10.2011 zu Ende gehen sollte. Und ich werde mindestens drei Astrologen finden, die den EM-Titel für die deutsche Fußballmannschaft vorhersagen.

Und was werden Sie machen am 21.12.2012?

Wahrscheinlich gehe ich zu einer der jetzt schon vielerorts geplanten Weltuntergangspartys. Und im Notfall brauchen wir ja den Rausch nicht mehr ausschlafen.

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