Thüringen war Testfeld für Nazi-Regierung

Am Nachmittag des 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Hindenburg den NSDAP-Führer Hitler zum Reichskanzler. Während man vielerorts in Deutschland überrascht und besorgt reagiert, sind die Nazis in Thüringen zu dieser Zeit längst bittere Normalität. "1930 stellt die NSDAP mit dem Alt-Kämpfer Wilhelm Frick und mit Willy Marschner erstmals zwei Minister in einer Landesregierung. Thüringen wird zum regierungspolitischen Testfeld für die Nazipartei", sagt der Historiker Steffen Raßloff.

Anlässlich ihres 2. Reichsparteitages im Juli 1926 marschieren Sturmtrupps der NSDAP durch Weimar. Bürger bilden ein dichtes Spalier. Foto: Atelier Held/Inhaber Renno

Anlässlich ihres 2. Reichsparteitages im Juli 1926 marschieren Sturmtrupps der NSDAP durch Weimar. Bürger bilden ein dichtes Spalier. Foto: Atelier Held/Inhaber Renno

Foto: zgt

Weimar. Die schleichende Etablierung der Nazis in Thüringen beginnt in den frühen Tagen der Weimarer Republik. "Anfang der 1920er gab es die Phase des ‚roten Thüringen‘ unter der SPD-Regierung von August Frölich mit einer Schulreform, der Einführung des 1. Mai als Feiertag oder der Förderung des Bauhauses", erläutert der Erfurter Raßloff.

Die alten Kultureliten reagierten irritiert. "Die konservative Bildungseliten fühlte sich bolschewisiert und geistig entmachtet. Das machte sie empfänglich für Antisemitismus sowie völkisches und deutschnationales Gedankengut", sagt Raßloff.

Schon zu dieser Zeit macht der Begriff der "entarteten Kunst" die Runde. Von den Nazis angefeindet, flieht das Bauhaus 1925 nach Dessau.

In der allgemeinen Verunsicherung erscheint Hitlers Nazipartei als praktikable Alternative. Hitler selbst erklärt Goethes und Nitzsches Weimar zu einer seiner Lieblingstädte.

Im Juli 1926 hält die NSDAP in Weimar ihren 2. Reichsparteitag ab. Auf Fotos aus dieser Zeit marschieren die faschistischen Sturmtrupps durch ein dichtes Spalier von Bürgern mit dem zum Hitlergruß erhobenen Arm.

Hitler persönlich verhandelt angesichts des politischen Patts nach der Landtagswahl 1929/30 mit den Bürgerlichen über die Beteiligung seiner NSDAP an der Thüringer Regierung.

Kaum im Amt, lässt NSDAP-Innen- und Bildungsminister Frick alle Sozialdemokraten aus Lehrkörper und Polizei entfernen und im Unterricht nationalistische Schulgebete einführen", so Steffen Raßloff. Mit Paul Schultze-Naumburg wird ein Antisemit Direktor der Künstlerischen Lehranstalten.

Dass man 1933 angeblich noch nicht wissen konnte, was Hitler vorhatte, lässt Raßloff nicht gelten. "In Thüringen waren die Folgen der Nazipolitik früh zu sehen", so der Erfurter Historiker. Auch das KZ Buchenwald in der Nähe Weimars ist für ihn kein Zufall.

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