Das neolithische Huhn oder wie der Mensch seine Umwelt formte

Jena  Woher kamen wir? Welche Wanderungsbewegungen vor Jahrtausenden prägten unsere Entwicklung, welche Kulturen beeinflussten uns und wie beeinflussten wir wiederum unsere Umwelt?

Seit Jahrtausenden prägen Menschen die Landschaften, in denen sie leben. Hier Vogelfang und Feldbestellung mit Rindern im Alten Ägypten um circa 2700 vor Christus. Foto: Max-Planck-Institut

Seit Jahrtausenden prägen Menschen die Landschaften, in denen sie leben. Hier Vogelfang und Feldbestellung mit Rindern im Alten Ägypten um circa 2700 vor Christus. Foto: Max-Planck-Institut

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Es sind die Antworten auf solche Fragen, denen die Forscher des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena nachgehen. Sie bedienen sich dabei modernster wissenschaftlicher Methoden wie der mathematischen Auswertung riesiger genetischer Datenbanken.

Institutsdirektorin Nicole Boivin konnte jetzt neue Erkenntnisse über den Einfluss früher Menschheitskulturen auf das heutige Gesicht der Erde gewinnen. Ihre These: Vom Menschen unberührte Landschaften gibt es heute nirgendwo mehr auf der Erde. Und der Eingriff des Menschen begann nicht erst in der Neuzeit, er war schon vor Jahrtausenden Konstrukteur seiner Umwelt.

Zwei Drittel der Großtierarten starben aus

Schon die Ausbreitung des Homo sapiens bis in die letzten Winkel Europas und Asiens vor 12.000 Jahren hatte weitreichende Folgen für viele Arten. Etwa 150 Großtierarten bevölkerten die Erde. Unter anderem das Jagdfieber unserer frühen Ahnen ließ etwa zwei Drittel von ihnen verschwinden, so die Wissenschaftler und stützten sich dabei auf Fossilienfunde. Ein Artensterben, das wiederum dramatische Folgen für die Struktur der Ökosysteme nach sich zog.

Während viele Arten zum Aussterben verurteilt waren, wurde die Ausbreitung anderer begünstigt, beschreibt Nicole Boivan den Prozess. Ein Höhepunkt war die Zeit, die Forscher als neolithische Revolution bezeichnen. Jener große Umbruch, als in Europa vor rund 7500 Jahren die Menschen begannen, sesshaft zu werden, Vieh zu züchten und Felder anzulegen. Als aus Jägern und Sammlern Bauern wurden.

Ein Prozess, der im Nahen Osten seinen Anfang nahm, wo die frühen Bauern bereits von 10.500 Jahren Ziegen, Rinder und Schafe domestizierten. Mit der Ausbreitung der neuen Lebensweise gelangten diese Tiere in den europäischen Kulturraum. Auch Hühner, die ursprünglich in fernen Gebieten Ostasiens gehalten, bevölkerten innerhalb weniger Jahrtausende Europa und die britischen Inseln. Heute leben dreimal so viel Hühner wie Menschen die Erde. Insgesamt sei die Zahl der wild lebenden Tiere im Vergleich zu den domestizierten verwindend klein geworden.

Eine weitere Entwicklung in dieser Zeit, die bis heute das Gesicht Mitteleuropas prägt, die massenhafte Rodung von Wäldern.

Was erzählt nun ein solcher Blick in die Vergangenheit dem Menschen von heute? Nicole Boivin zieht folgenden Schluss: Wir sollten besser darüber nachdenken, wie wir saubere Luft und frisches Wasser für künftige Generationen sichern, statt darüber, ursprüngliche Zustände wieder herzustellen. Denn die gibt es schon seit Jahrtausenden nicht mehr.

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