Dem Nordhäuser Stadtarchiv drohen kleine Katastrophen

Für die Bestandssicherung sensibilisierte der Nordhäuser Stadtarchivar beim Tag der offenen Archive am Samstag. Dabei scheute Wolfram Theilemann auch nicht davor zurück, auf manch einen Missstand hinzuweisen.

Stadtarchivar Wolfram Theilemann bei einer Führung am Samstag. Foto: Kristin Müller

Stadtarchivar Wolfram Theilemann bei einer Führung am Samstag. Foto: Kristin Müller

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Nordhausen. "Sie müssen 200 Jahre alt werden." Barbara Losche hatte Nordhausens Stadtarchivar Wolfram Theilemann gerade eine halbe Stunde bei einer Führung durch das Magazin zugehört und von vielen Missständen im "Gedächtnis der Rolandstadt" erfahren: von verschimmelten Urkunden, zerwurmten, zerbrochenen oder geklauten Bucheinbänden oder von jahrhundertealten Pergamenturkunden, die in Safes zwar feuersicher lagern, aber die dort zusammengefaltet austrocknen und deshalb auch nicht mehr zur Nutzung herausgegeben werden können.

Gerade einmal zwei Monate im Amt, begnügte sich Theilemann beim "Tag der offenen Archive" nicht damit, Kostbarkeiten zu präsentieren. Die Forschung sei nur das eine. Ebenso wichtig sei die Bestandserhaltung, sagt er.

Mögen beispielsweise Pergamenturkunden um 1890 von Archivaren aus damaliger Sicht zeitgemäß in Umschläge verpackt worden sein, so müsse heute dringend gehandelt werden, müssten die Dokumente plattgelegt und geglättet, in Kartons fixiert und in Metallregalen gelagert werden. Urkunden oder Akten aus Papier wiederum gehörten in säurefreie Mappen, auch weil diese bei einem Schwelbrand widerstandfähiger seien als herkömmliche.

"Den Kampf mit Alter und Vergänglichkeit kann man nicht gewinnen, aber man kann bremsen", meint Theilemann.

Bei der größten Katastrophe für das Stadtarchiv im April 1945 waren mehr als 80 Prozent der Akten und Amtsbücher verloren gegangen, doch wurde auch vieles bewahrt. Diesem Bestand drohen "die kleinen hausgemachten Katastrophen" durch Wasser oder Feuer, sagte der Stadtarchivar mit Blick auf das diesjährige Motto des Archivtages und ließ die Besucher an die Decke zu (Ab-)wasserrohren schauen. Angesichts der winzigen Kellerräume und darin fehlender Wegweiser nach draußen am Boden äußerte Theilemann, im Falle eines Schwelbrandes bräuchte man GPS, um sich herauszufinden. Die vorhandenen Brandmelder wiederum würden ob des Archivzuschnitts so manchen Brand erst registrieren, "wenn die Feuerwehr schon da ist".

Dass im Südosten das UV-Licht ungehindert durch Fenster dringen kann, sei ein weiteres Problem. Fazit: "Die Räume im Stadtarchiv sind nur bedingt geeignet." Langfristig hält Wolfram Theilemann einen Umzug für zwingend.

"Zurzeit ist das Archiv doch ein Stiefkind. Das ist schade, weil man so vieles gar nicht in die Hand bekommt und auch digital nicht einsehen kann", meinte Cornelia Wulf nach der Führung.

Um mehr Speicherplatz will sich Theilemann bemühen, ebenso um eine vorerst bessere Nutzung der vorhandenen Magazinräume. Am Samstag betonte er aber auch, dass einiges aussortiert gehört, museale Objekte etwa, stapelweise unbeschrifteter Fotos oder ungebundene Zeitungsexemplare, die auch gebunden vorliegen.

Am Samstag hörten ihm mehr als 100 Gäste zu, eine Pause zwischen den Führungen war nicht drin. "Diese Resonanz ist ein Ausweis des hohen lokalhistorischen Interesses", freute sich der Archivar.

Zu den geschichtlich Neugierigen gehört auch Gisela Döring. Am Samstag besuchte sie das erste Mal das Kreisarchiv: "Nach 42 Jahren bin ich mit meinem Mann kürzlich von Berlin zurück nach Nordhausen gezogen. Jetzt im Alter haben wir endlich Zeit, uns mit der Heimatgeschichte zu befassen", erzählte die 72-Jährige. Archivarin Viola Herzog führte durchs Magazin an der Grimmelallee. Im Gegensatz zu ihrem Amtskollegen der Stadt Nordhausen sah sie keinerlei bauliche Probleme oder Nachholbedarf bei der Bestandssicherung im Kreisarchiv.

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