Die Würfelprobe: Warum Ostdeutsche häufiger mogeln sollen

Erfurt. Eine Studie stellt Zusammenhänge zwischen dem Leben in der DDR und dem Hang zur Unehrlichkeit her. Thüringer Soziologen widersprechen.

Würfel, wenn sie nicht nebeneinander liegen - wie hier im Stadtmuseum Erfurt -, verleiten gern zum Schummeln. Archivfoto: Marco Kneise

Würfel, wenn sie nicht nebeneinander liegen - wie hier im Stadtmuseum Erfurt -, verleiten gern zum Schummeln. Archivfoto: Marco Kneise

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Es sei nicht weit her mit dem vielbeschworenen Gemeinschaftssinn der Ostdeutschen. Erst im Mai hatte das eine Bertelsmann-Studie behauptet. Ein Schlag ins Kontor ostdeutscher Selbstwahrnehmung.

Unwissenschaftlich, das Ganze, hatte damals der Jenaer Soziologe Michael Hofmann gewettert und dem Vorgehen das schöne Wort "Vorurteilsbestätigungsforschung" verpasst.

Viel Zeit, sich von der üblen Nachricht zu erholen, blieb nicht. Eine aktuelle Studie behauptet noch weniger Schmeichelhaftes: Wer in der DDR aufgewachsen ist, mogelt häufiger als eingeborene Bundesbürger.

Die Autoren, eine Forschergruppe der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und der US-amerikanischen Duke University, belegen das mit einem Feldversuch in Berliner Bürgerämtern.

Die Versuchsanordnung: 259 Besucher, zwei Würfel, ein paar Euro-Münzen.

Der Ablauf: sehr simpel. Jeder Besucher hatte 40 Würfe. Dabei durfte er für sich im Stillen und vor dem Wurf entscheiden, ob die obere oder die unten liegende Würfelseite zählt. Je höher die Punkte, desto höher der Gewinn.

Eine perfekte Verführung zum Schummeln. Indes, laut statistischer Wahrscheinlichkeit hätte jeder Spieler im Durchschnitt 3,5 Punkte erreichen können. Sofern sie ehrlich gewesen wären. Tatsächlich gaben die westdeutschen Würfel-Probanden einen durchschnittlich um fünf Prozent höheren Wert an. Bei den ostdeutschen Spielern lag der Wert um zehn Prozent höher. So viel Glück im Spiel kann niemand haben. Alle unterlagen sie der Verführung zum Mogeln, doch die Ostdeutschen doppelt so häufig.

Den Grund für diese Affinität zur Schummelei vermuten die Forscher nun im DDR-Vorleben der Probanden. In einem System, in dem man mit Ehrlichkeit nicht weit kam und in dem man sich besser mit Mogelei durch den real existierenden Sozialismus lavierte. Das prägt.

Feldversuch in Berliner Bürgerämtern

Eine kühne These. Doch wie repräsentativ kann eine Studie sein, die ihre Erhebungen aus dem Verhalten von gerade einmal 259 Menschen bezieht?

Zeit, einen der Autoren zu fragen. Dr. Lars Hornuf ist Wirtschaftswissenschaftler und nein, es ginge nicht darum, den Stab über einen Bevölkerungsteil zu brechen. Worum dann? Um die Frage, sagt er, was das Handeln von Menschen bestimmt.

Er verweist auf frühere Experimente, in denen Forscher herausfinden wollten, ob die Gesetze der Marktwirtschaft die Moral verwässern. Sie tun es, so das Ergebnis damals. Jetzt müsse man hinzufügen, dass es auch der sozialistische Gegenspieler der Marktwirtschaft getan hat. Und das gründlicher.

An der Aussagekraft der Studie zweifelt er nicht. Bei der Varianz der Würfel und der Menge der Würfe sei die jeweilige Prozentzahl Zufall. Doch der deutliche Unterschied eben nicht.

Im Übrigen habe man sich, um den Einfluss lokaler Mentalitäten auszuschließen, bewusst nicht für je eine ost- und eine westdeutsche Stadt, etwa Köln und Magdeburg, entschieden, sondern für Berlin. Die gleiche Luft, der gleiche Menschenschlag. Und auf ein Bürgeramt müsse schließlich jeder einmal.

Und was fängt man nun an, mit einer solchen Studie? Eine Nachfolgestudie! Die Ergebnisse hätten, führt Lars Hornuf auf, Fragen aufgeworfen. Interessant zum Beispiel das Ergebnis, dass die Neigung zur Mogelei zunahm, je älter der Proband war. Will heißen, je länger er in der DDR sozialisiert wurde. Und umgekehrt.

Der Jenaer Soziologie-Professor Michael Hofmann indes äußert Skepsis. Solche ökonomischen Spieltheorien gehen davon aus, dass der Mensch ein "Homo economicus" sei.

Höchst problematisch sei es, diesen Kleinstudien eine große gesellschaftliche Bedeutung zuzumessen. "Diese Aussagen widersprechen vielen anderen Erkenntnissen", so der Wissenschaftler.

Widerspruch kommt auch von seinem Erfurter Kollegen Frank Ettrich, Soziologe an der hiesigen Universität. Von solchen Studien halte er gar nichts. Vom methodischen Herangehen ganz abgesehen, woher wolle man wissen, dass eine bestimmte Handlung auf eine Sozialisation zurückgehe, die mehr als 25 Jahre zurückliege und nicht auf jüngere Erfahrungen?

Womöglich sogar aus üblen Erlebnissen unerfahrener Ostdeutscher in der Wendezeit, aus denen man dann seine eigenen Schlüsse gezogen hat.

Ausschließen, entgegnet Lars Hornuf, könne man das natürlich nicht. Man habe die Ost-Probanden auch nach dem Experiment nach solchen Erfahrungen gefragt. Doch die Angaben dazu, versichert er, seien irrelevant gewesen.

Wie fielen eigentlich die Reaktionen auf die Studie aus? Wütende Wortmeldungen aus dem Osten? Die gab es nicht, verneint Lars Hornuf.

Aber vielleicht, fügt er hinzu, sollte er einmal seine Mailbox abhören.

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