Erstmals in Thüringen Technik-Studium nur für Frauen

Jena. In Jena können Frauen künftig unter sich studieren, ohne Männer. Das Pilotprojekt an der Ernst-Abbe-Hochschule beginnt im Wintersemester und betrifft den Fachbereich Elektro- und Informationstechnik.

Der Campus der Universität Jena befindet sich auf dem Ernst-Abbe-Platz. Foto: Lutz Prager

Der Campus der Universität Jena befindet sich auf dem Ernst-Abbe-Platz. Foto: Lutz Prager

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„Es ist ein Angebot, um die Studieneingangsphase attraktiver zu machen“, erklärt Prof. Ralph Ewerth. Bisher beginnen pro Semester etwa fünf Frauen und 90 Männer ein derartiges Studium. „Wir hoffen künftig auf bis zu 30 Studentinnen.“ Der Frauenstudiengang – bundesweit gibt es wohl fünf – soll auch helfen, das Fachkräfteproblem in der IT-Branche zu lösen.

Die Jenaer Studentinnen sollen in den ersten zwei Semestern die Möglichkeit haben, ohne männliche Kommilitonen zu lernen. Erst ab dem dritten Semester sollen Frauen und Männer wieder gemeinsam studieren. Unterschiedliche Leistungsanforderungen soll es zu keinem Zeitpunkt geben.

Viele junge Frauen meiden ein Studium in reinen Männerdomänen. Das ist die Praxis, wie Prof. Ewerth sie wahrnimmt. „Wir möchten denen die Scheu nehmen, die sich für Technik interessieren, aber Probleme mit dem Gedanken haben, fast die einzige Studentin im Fachbereich zu sein.“

Frauen sind oft in vielen Fächern gleichzeitig gut

Das Potenzial für angehende Studentinnen der Elektro- und IT-Technik ist groß. Von hundert Schülerinnen, die sich für Mathematik und Naturwissenschaften interessieren und in den Unterrichtsfächern auch hohe Leistungen erbringen, studieren später nur 30 Prozent in diesem Bereich.

Bei den Ingenieurwissenschaften liegt der Frauenanteil sogar darunter. Besonders niedrig ist er bei Elektro- und Informationstechnik.

Das Phänomen ist noch nicht allzu tief durchdrungen. Professorin Susanne Ihsen, die an der TU München geschlechtsspezifische Unterschiede in Ingenieurwissenschaften untersucht, nennt einen vermuteten Grund: „Viele junge Frauen, die gut sind in Mathematik und Physik, sind gleichzeitig gut in Geschichte oder in Sprachen. Sie haben häufig ein breiteres Auswahlspektrum als Männer.“

An der TU Ilmenau will man das Projekt genau beobachten. „Wenn es dort gut läuft, können wir das auch anbieten“, sagt Jürgen Petzoldt, Professor für Leistungselektronik und Prorektor für Bildung. „Es ist ein Problem, dass sich generell zu wenig junge Menschen für ein Technik- oder naturwissenschaftliches Studium interessieren.“

Das hat Folgen für die heimische Wirtschaft. „Es gibt in Thüringen einen Fachkräftemangel im Bereich Elektrotechnik“, sagt Roswitha Weitz, Geschäftsführerin des Instituts der Wirtschaft Thüringens. „Bei der IT-Technik deutet sich ein Engpass an.“ Firmen wie Funkwerk Kölleda und Siemens bestätigen das Problem für Thüringen.

Angesichts des Bevölkerungsrückgangs, so das Wirtschaftsministerium, sei es wichtig, alle Potenziale auszuschöpfen – „auch mehr Frauen für technische Berufe zu begeistern“

Thüringen hat bundesweit die meisten Studien-Abbrecher

In Thüringen brechen mehr Studenten ihr Studium ab als im bundesweiten Durchschnitt. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes liegt die Quote derer, die ein Studium erfolgreich beenden, bei knapp 74 Prozent, wie aus der jüngsten Veröffentlichung zu diesem Thema hervorgeht. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 77 Prozent. Berechnet wurde dieser Wert auf Grundlage der Studienanfänger im Jahr 2005.

Amtliche Zahlen gibt es allerdings nicht. Wenn ein Student die Hochschule verlässt, wird statistisch nicht erfasst, ob er sein Studium beendet, es unterbricht oder an einer anderen Hochschule fortsetzt.

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