Funde bei Gotha-Sundhausen: Der „Herr von Boilstädt“ hat jetzt ein Gesicht

Boilstädt/Weimar  Forscher enthüllen in Weimar die Rekonstruktion der archäologischen Funde bei Gotha-Sundhausen. Knochenfunde lassen auf Erscheinungsbild schließen.

Kristina Scheelen (links), Anthropologin aus Göttingen, und Steffi Burrath, Sachverständige des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt, begutachten ihre Rekonstruktion des Gesichts des „Herrn von Boilstädt“. Beide hatten für ihre Arbeiten einen 3D-Druck des Schädels als Grundlage benutzt.

Kristina Scheelen (links), Anthropologin aus Göttingen, und Steffi Burrath, Sachverständige des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt, begutachten ihre Rekonstruktion des Gesichts des „Herrn von Boilstädt“. Beide hatten für ihre Arbeiten einen 3D-Druck des Schädels als Grundlage benutzt.

Foto: Maik Schuck

Ein Schädel bekommt ein Gesicht. Vor über fünf Jahren ist das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) bei Grabungen in der Nähe von Gotha-Sundhausen auf das Grab eines Kriegers aus dem Frühmittelalter gestoßen. Am Freitag gaben Forscher aus ganz Deutschland dem „Herrn von Boilstädt“ ein Gesicht. Die zeichnerische und dreidimensionale Rekonstruktion wurde im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar vorgestellt.

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„Der Herr von Boilstädt war ein Mann im Alter zwischen 30 und 35 Jahren mit athletischem Körperbau und einer Größe von 177 bis 185 Zentimetern“, sagte Anthropologe Jan Novácek, der das Skelett des Kriegers untersuchte. Für die Zeit um 600 nach Christus sei der „Herr von Boilstädt“ sehr groß gewesen. Die Knochen zeigten zudem, dass er stark ausgeprägte Muskeln hatte, die auf einen Reiter hindeuten.

„Hinzu kommen individuelle Merkmale“, sagte Novácek und zählte etwa eine „riesige Zahnlücke“ zwischen den Schneidezähnen oder eine Öffnung in der Schädeldecke dazu. Zudem lasse die poröse, wulstige Oberfläche des Schädels auf eine Kopfschwartenentzündung schließen, die vor allem bei Personen vorkomme, die eine luftundurchlässige Kopfbedeckung, tragen – wie einen Helm.

Der Schädel des „Herrn von Boilstädt“ zeige außerdem Spuren einer Nasenbeinfraktur, was auf eine links eingedrückte Nase hindeutet. Diese ist jetzt auch auf der zeichnerischen sowie auf der plastischen Rekonstruktion des Gesichts zu erkennen.

Die Zeichnung des Gesichts hatte Steffi Burrath, Sachverständige des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt angefertigt. Auf einen 3D-Ausdruck des Originalschädels waren zunächst Weichteilmarker geklebt worden. Sie zeigen, wie dick das Gewebe zwischen Schädel und Haut gewesen ist, erklärte Burrath. Daran habe sie sich bei der Bleistiftzeichnung orientiert.

Ab 2019 als Exponat in der Dauerausstellung

Ganz ähnlich ging auch Kristina Scheelen, Mitarbeiterin der Universitätsmedizin Göttingen vor. Auch sie nutzte für die plastische Rekonstruktion den 3D-Druck des Schädels und die Weichteilmarker. Nachdem sie mit Ölton das Gesicht auf dem Schädel modelliert hatte, wurde dieses mit Gips abgegossen. Die Gipsform goss Scheelen mit Silikonkautschuk aus, der in mehreren Schritten koloriert wurde, um der menschlichen Haut möglichst ähnlich zu sehen. „Bei Augen- und Haarfarbe mussten wir uns auf die Informationen der DNA-Analyse verlassen“, sagte Scheelen weiter. Das genetische Material des „Herrn von Boilstädt“ hatte Susanne Hummel vom Institut für Historische Anthropologie und Humanökologie der Universität Göttingen untersucht. „Wir haben die DNA aus den Zahnwurzeln gewonnen und so einen genetischen Fingerabdruck erstellt“, sagte Hummel.

Die DNA-Analyse habe gezeigt, dass der „Herr von Boilstädt“ blonde Haare und blaue Augen gehabt habe. Zudem entstammte seine Familie dem östlichen Europa beziehungsweise Eurasien. Zu einem zweiten Krieger, der ebenfalls von den Archäologen in gutem Zustand bei Sundhausen gefunden und untersucht wurde, bestehe keine Verwandtschaft, sagte Hummel weiter. Die Informationen zu Haar- und Augenfarbe ermöglichten eine lebensechte Rekonstruktion. „Ich habe aus den historischen Quellen geschlossen, dass ein Mann seines Standes wohl lange Haare und Bart getragen hat“, meinte Scheelen, die jedes Haar einzeln in das Silikon eingesetzt hatte.

Dennoch sei die Gesichtsrekonstruktion auch der künstlerischen Freiheit unterlegen, da zu Haarschnitt, Bart, Augenbrauen, Mimik, Krankheits- oder Altersmerkmalen keine Anhaltspunkte vorlägen. Auch die Todesursache des „Herrn von Boilstädt“ bleibt unklar.

„Wir versuchen, uns dem einstigen Erscheinungsbild des Herrn von Boilstädt zu nähern“, sagte Sven Ostritz, Präsident des TLDA. Die Rekonstruktion stelle dabei nur einen Teil der Forschungen dar, weitere Untersuchung etwa der ebenfalls freigelegten und gut erhaltenen Tierbestattungen stehen aus. Ab Frühjahr 2019 sollen die Funde in der Dauerausstellung des Museums für Ur- und Frühgeschichte Weimar zu sehen sein.