Jenaer Wissenschaftler: Wasserlinsen sind die Energiepflanzen der Zukunft

Jena. Kohle, Erdöl und Gas sind endlich, der Energiebedarf der Menschheit aber wächst weiter. Welche neuen Quellen zur Gewinnung von Energie können in der Zukunft angezapft werden? Eine Frage, über der Wissenschaftler in aller Welt derzeit brüten, darunter auch der Jenaer Forscher Dr. Klaus-Jürgen Appenroth.

Der Herr der Wasserlinsen: Dr. Klaus-Jürgen Appenroth von der Friedrich-Schiller-Universität Jena in seinem Labor. Fotos: Sascha Fromm

Der Herr der Wasserlinsen: Dr. Klaus-Jürgen Appenroth von der Friedrich-Schiller-Universität Jena in seinem Labor. Fotos: Sascha Fromm

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Seiner Meinung nach können die Wasserlinsen einen wesentlichen Beitrag zur künftigen Energieversorgung der Menschheit leisten. Davon ist der Wissenschaftler überzeugt. Appenroth forscht bereits seit mehr als dreißig Jahren an dieser am schnellsten wachsenden Pflanzenart der Welt. Über viele Jahre blieben die Erkenntnisse der Wissenschaftler quasi im Verborgenen, doch mit der Energiewende änderte sich das.

"Die Erkenntnis, das der Energieverbrauch der Welt weiter steigt und die fossilen Brennstoffe endlich sind, hat zu einem Umdenken geführt", ist Appenroth überzeugt. Die Situation habe sich in den letzten Jahren grundlegend geändert.

In den USA und in China wird intensiv geforscht

Nicht nur in Jena, auch in der Schweiz, in den USA und neuerdings in China haben sich die Forscher der Wasserlinsen angenommen. Selbst einige große Konzerne steigen derzeit aus der Algenforschung um auf die Wasserlinse, sagt Appenroth. Die Pflanze, die in 37 Arten existiert, ist auf der gesamten Welt verbreitet.

Die Wasserlinse ist laut Appenroth doppelt so schnell bei der Biomassezunahme wie andere schnell wachsende Blütenpflanzen. Unter optimierten landwirtschaftlichen Bedingungen ließen sich etwa von einer in Bangladesch verbreiteten Art rund 80 Tonnen je Hektar ernten, so der Wissenschaftler.

Genau dort hat Appenroth in den vergangenen Monaten nach einer speziellen Art der Wasserlinsen gesucht. Er habe seinen Jahresurlaub in Indien und Bangladesch verbracht, um in Ruhe forschen zu können. "Nicht alles kann von der Uni bezahlt werden, also muss man einige Reisen aus der eigenen Tasche finanzieren", sagt er.

Eigentlich hätte er ja in den Osterferien gern auch in Pakistan nach der am schnellsten wachsenden Art der Wasserlinsen gesucht, doch die unsichere Lage in dem Land hat ihn abgeschreckt. "Ausgerechnet von dieser Art existiert derzeit in den Forschungslabors weltweit kein Exemplar mehr", bedauert Appenroth. Durch einen unglücklichen Zufall seien die Pflanzen in den Stammsammlungen in Jena, in der Schweiz und in den USA gleichzeitig verloren gegangen. Doch der Jenaer gibt die Suche danach natürlich nicht auf.

Aufgrund ihres hohen Stärkegehaltes sind die Wasserlinsen nach ersten Untersuchungen sehr gut zur Erzeugung von Biokraftstoffen geeignet. Teilweise lag die Ethanol-Ausbeute je Hektar um etwa 50 Prozent über der von Mais, berichtete der Jenaer Forscher.

An den Universitäten in Jena und in New Yersey werde derzeit intensiv an den nötigen technischen Schritten der Alkoholerzeugung aus den Wasserlinsen gearbeitet.

Proben aus einem Feuerlöschteich

Doch ist Biosprit aus der Sicht der Wissenschaftler nur eine der vielen Einsatzmöglichkeiten der Wasserlinse. Die können durch den gezielten Einsatz von Bakterien auch zu Biogas umgewandelt werden, das dann sogar in unterirdischen Deponien oder Rohrleitungen speicherbar wäre, sagt Appenroth. Gerade über neue Speicherkapazitäten werde in Deutschland bei der Debatte um die Energiewende heftig gestritten.

Wie vielfältig und wandelbar die Wasserlinsen sind, hat Appenroth bei einem seiner Experimente nachgewiesen. "Ich habe einen kleinen Feuerlöschteich hier ganz in der Nähe untersucht", berichtet der Forscher. Mit selbst für ihn verblüffenden Ergebnissen. Die Wasserproben aus dem Feuerlöschteich in Schlöben, die er an zwölf Stellen entnahm, enthielten vier verschiedene Genvarianten.

Natürlich hat er die Pflanzen im Labor kultiviert und auf ihre unterschiedlichen Eigenschaften hin untersucht.

Wegen ihrer vielfältigen Einsatzmöglichkeiten - von der Gewässerreinigung über die Erzeugung von Bioalkohol bis zur Nutzung als proteinreiches Tierfutter - bietet die Wasserlinse eine enorme Chance als Nutzpflanze der Zukunft.

Bei der Erzeugung von Bio-Kraftstoff kann die Wasserlinse in absehbarer Zeit Mais, Raps oder Zuckerrohr als Grundstoff ablösen. Dann beende die Nutzung von bisherigen Brachflächen für den Anbau der Wasserlinsen auch die schier endlose Debatte um die Konkurrenz zwischen Tank oder Teller, glaubt der Thüringer.

"Die Linsen wachsen auf einem Teich und blockieren daher keine landwirtschaftliche Nutzfläche", verweist der Jenaer Chemiker auf einen weiteren Vorteil dieser Pflanzen.

Neben den Untersuchungen im Labor haben technische Pilotanlagen in den USA, in Aus-tralien und in Indien bereits mit der Verarbeitung der Wasserlinsen begonnen.

Internationaler Kongress im August in den USA

Auf einem Kongress im August an der Rutgers University in New Yersey wollen sich die Wissenschaftler aus aller Welt über den neuesten Stand ihrer Forschungen an der Pflanze austauschen. Er rechne mit einem großen Aufgebot chinesischer Forscher, sagte Appenroth. In China habe man das Potential der Pflanzen erkannt und verfüge über Kapital für die Forschung.

Doch die spätere industrielle Nutzung überlässt der Jenaer gern anderen. Er will es bei der Grundlagenforschung belassen, sagt Appenroth: "Ich habe auch schon Anrufe von Patentanwälten bekommen, aber denen habe ich dankend abgesagt", versichert der Jenaer lächelnd.

Informationen über die Wasserlinsen-Forschung unter http://www.uni-jena.de/ AG_Appenroth.html

Die Amerikaner forschten als Erste mit Wasserlinsen

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