Ötzi untersucht: Jenaer Forscher entdecken Überraschendes

Jenaer Forscher vom Max-Plack-Institut entschlüsselten das Helicobacter-Genom in der Gletschermumie „Ötzi“ und stellten Überraschendes fest.

Die Wissenschaftler Eduard Egarter-Vigl (links) und Albert Zink untersuchen 2010 in Bozen (Italien) die rund 5000 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“. Foto: Marco Samadelli/Eurac/dpa

Die Wissenschaftler Eduard Egarter-Vigl (links) und Albert Zink untersuchen 2010 in Bozen (Italien) die rund 5000 Jahre alte Gletschermumie „Ötzi“. Foto: Marco Samadelli/Eurac/dpa

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Blähungen, Brechreiz, Schmerzen im Oberbauch. Neben der ständigen Gefahr, von wilden Tieren zerfleischt, von feindlichen Stämmen angegriffen zu werden, war Ötzi auf seinen einsamen Wegen noch einem weiteren Ungemach ausgesetzt. Verursacher des Übels: Helicobacter pylori. Ein Bakterium, das Gastritis, Magengeschwüre bis hin zu Magenkrebs verursachen kann.

Einem internationalen Forscherteam ist es gelungen, ein Genom des Krankheitserregers aus dem Magen der Gletschermumie zu entschlüsseln. Maßgeblich beteiligt waren Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena.

Ob Ötzi das Bakterium nur mit sich herumschleppte, oder tatsächlich an seinen üblen Folgen litt, könne man natürlich nicht mit Sicherheit sagen, erläutert der Institutsleiter, Professor Johannes Krause. Doch wahrscheinlich ist es. Man habe im Ötzis Magen auch Proteine gefunden, die auf eine Entzündung hindeuten.

Ein Mosaiksteinchen mehr in dem Bild, dass sich Archäologen vom Leben des Wanderers aus der Steinzeit machen können. Bedauernswerter Ötzi. Doch wesentlich für Johannes Krause ist etwas anderes: Zum ersten Mal konnte das Bakterium aus der europäischen Frühgeschichte rekonstruiert werden.

Die Begeisterung des Forschers für diesen heimtückischen Magenbewohner hat einen handfesten Grund. Johannes Krause ist Archäogenetiker. Ein noch junger Forschungszweig, der sich mit der Frage beschäftigt, woher wir kamen. Welche Wanderungsbewegungen vor Jahrtausenden unsere Entwicklung prägten, welche Kulturen uns beeinflussten und die dabei Antworten sucht, die in jedem von uns stecken: Im menschlichen Genom.

Den Informationen über unsere Biologie, die in drei Milliarden Basenpaaren weitergegeben werden, von Generation zu Generation, und dabei ihre historischen Spuren hinterlassen. Mit seinem Team untersuchte er mehr als 100 Genome aus Skelettfunden unserer prähistorischer Ahnen und verglich sie mit den Erbinformationen heutiger Menschen.

Vergleiche, die auf große Wanderungsbewegungen schließen lassen, in deren Verlauf sich Menschen und ihre Kulturen vermischten.

Zugriff auf Daten aus der Vergangenheit

Und hier kommt Helicobacter pylori ins Spiel. Ein Magenbakterium, dass wir als unwillkommenen Begleiter seit Jahrtausenden mit uns herumtragen. In Deutschland ist etwa jeder zweite ältere Erwachsene damit infiziert. Das Besondere an ihm, erklärt Johannes Krause, im Gegensatz zu vielen anderen Bakterien wie etwa dem Tuberkuloseerreger, ist seine Fähigkeit, sich untereinandere genetisch auszutauschen.

In den verschiedenen Regionen der Welt entwickelten sich verschiedene Typen der Bakterien.

Ein Umstand, der die Mikrobe zu einer Art Marker für historische Wanderungsbewegungen von Menschen macht. Es ist gewissermaßen das einzig Kons-truktive, was sich über Helicobacter pylori feststellen ließe. So haben Forscher vor einigen Jahren aus Vergleichen verschiedener Bakterienstämme Schlüsse gezogen, auf welchen Wegen vor Jahrtausenden Menschen den Pazifik besiedelten.

Aus Daten der Gegenwart wurde versucht, die Vergangenheit zu rekonstruieren. Dank der Entschlüsselung aus Ötzis Magen konnten die Forscher man nun auf Daten aus der Vergangenheit zurückgreifen. Und erlebten dabei eine Überraschung.

Die Forscher sind davon ausgegangen, dass Ötzis Bakterienstamm dem gleichen müsse, der sich in die Mägen der heutigen Europäer bevorzugt einnistet. Statt dessen wies das Bakterium größere Ähnlichkeit mit Formen auf, die heute in Indien und anderen asiatischen Regionen vorherrschen.

Es muss, erklärt Johannes Krause die Vermutung, nach Ötzis Tod vor etwa 5000 Jahren eine weitere Einwanderungswelle nach Europa gegeben haben, bei der die Neuankömmlinge ihre Gene mit denen der dort lebenden Menschen vermischt haben.

Bei ihren genetischen Vergleichen sind die Jenaer Archäogenetiker bereits einer Antwort auf eines der großen Rätsel der Geschichte nahe gekommen: Der Frage nach der neolithischen Revolution und was sie auslöste. Der große Umbruch, als in Europa vor rund 7500 Jahren die Menschen begannen, sesshaft zu werden, Vieh zu züchten und Felder anzulegen. Als aus Jägern und Sammlern Bauern wurden.

In einem Gebiet, dass sich vom Sinai, über den Norden Syriens bis in den südlichen Irak erstreckt, das Archäologen den „fruchtbaren Halbmond“ nennen, begann diese Entwicklung Jahrtausende früher.

Eine bislang unbekannte Wanderung nach Europa

Nach den Analysen sind sich die Jenaer Forscher sicher: Die prähistorischen Bauern aus dem Osten müssen sich in Richtung Abendland aufgemacht haben, eine riesige Wanderungsbewegung, die Generationen dauerte und ihre Spuren auch im Genpool der Menschen hinterließ.

Wer die Menschen waren, die nach Ötzi nach Europa kamen, woher sie kamen, darüber, so Johannes Krause, könne zur Stunde nur spekuliert werden. Die Studie lieferte nur erste Hinweise auf eine bislang unbekannte Migrationswelle auf unserem Kontinent, weitere Vergleiche mit Funden aus Asien und Afrika aus verschiedenen Epochen sind nötig.

Es sei ja auch möglich, bemerkt Johannes Krause, die Einwanderer waren schon da und hatten bei anderen Zeitgenossen von Ötzi bereits ihre Spuren hinterlassen.

Spannend werde jetzt sein, ob man zum Beispiel aus Zahnstein oder anderen Überresten von Menschen aus der Jungsteinzeit Helicobacter pylori rekonstruieren kann. Um mehr über deren Evolution zu lernen und damit auch darüber, wie sich unsere Ahnen ausgebreitet haben.

Sicher ist wohl nur, es wird nicht die letzte Überraschung in der Erforschung der europäischen Besiedlungsgeschichte gewesen sein.

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