Professoren erklären "Kinder-Studenten" Bundespolitik

Bei der Erfurter Kinder-Uni erfahren Grundschüler, was eine Regierung macht - und warum es einen Unterschied zwischen Fußball und Politik gibt.

Damit den Kindern nicht langweilig wird, baut Dr. André Brodocz eine aktive Aufgabe ein. Foto: Marco Kneise

Damit den Kindern nicht langweilig wird, baut Dr. André Brodocz eine aktive Aufgabe ein. Foto: Marco Kneise

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Zeit hat André Brodocz an diesem Morgen wenig. Das Wintersemester an der Universität Erfurt hat begonnen. Jede Menge gäbe es noch zu organisieren. Trotzdem ist er hier.

Geduldig wartet der Professor für politische Theorie, bis sich Hörsaal Nummer fünf gefüllt hat, bis die Trinkflaschen verstaut und die bunten Filzstifte ausgepackt sind. Die Vorlesung, die er gleich halten wird, ist ein Programmpunkt im Angebot der Kinder-Uni Erfurt. Thema: Wozu brauchen wir eine Regierung? "Das Zusammenspiel mit den Kindern macht mir einfach Spaß", sagt Professor Dr. André Brodocz und schmunzelt vorfreudig. In wenigen Minuten geht es los.

Drei Tage stand das neue Programm der Erfurter Kinder-Uni im Internet. Dann waren die knapp 50 Veranstaltungen von Oktober bis Mitte Dezember ausgebucht. 2400 Schüler machen 2012 mit. Meist kommen ganze Schulklassen mit ihren Lehrern. Inzwischen sind nur noch Einzelanmeldungen möglich. "Und wenn es zu voll wird, müssen die erwachsenen Begleitpersonen draußen bleiben", sagt Lisa Wollenschläger von der Uni-Pressestelle.

Die Vorlesung beginnt mit einem Pixi, einem schmalen Kinderbuch mit großen Bildern. Die Seiten wirft der Professor mit einem Projektor an die Hörsaalwand. Das Buch mit dem Titel "Wie Kaiser Franz den Fußball erfand" hat sich André Brodocz von seiner sechsjährigen Tochter geliehen. Der Inhalt: Damit sich die Kinder im Schlossgarten nicht mehr um den einzigen Ball prügeln, denkt sich Kaiser Franz Spielregeln aus. Es sind die Fußballregeln. Franz übernimmt die Rolle des Schiedsrichters.

"Regeln alleine reichen aber nicht aus", sagt Brodocz und blickt in 70 fragende Gesichter. "Wir brauchen eine Regierung, damit wir uns nicht streiten, wer sich an die Regeln gehalten hat und wer nicht."

Zum dritten Mal seit 2009 spricht der Politologe bei der Kinder-Uni vor Schülern. "Meinen Studenten sind politische Fragestellungen vertraut. Kindern hingegen ist der Gedanke, warum wir eine Regierung brauchen, völlig fremd", beschreibt er die Herausforderung. Deshalb das Pixi.

"Den Kindern wird ein Weg in das Thema gebahnt. Fußball macht es für sie zugänglich", sagt Lehrerin Alison Carl und nickt anerkennend. Mit zwei Klassen sind sie und ihre Kolleginnen von der Internationalen Schule Weimar in die Landeshauptstadt gekommen. Das Thema werde gerade im Unterricht behandelt.

Aus diesem Grund sind auch Tobias Klingstein und Kornelia Büttner aus Buttelstedt mit zwei dritten Klassen im Hörsaal. Auf einem orangefarbenen Studentenausweiß erhält jeder Mini-Student pro Besuch einen Stempel. Zehn könnten es sein, denn die Kinder-Uni Erfurt fei-ert 2012 ihr Zehnjähriges.

Der Professor bekommt heute eine glatte Eins

Manches funktioniert mit den Kleinen nicht, das hat Brodocz mit der Zeit gelernt. Als er mit einer Handpuppe ein Gespräch führen wollte, sei es im Raum drunter und drüber gegangen. An diesem Tag aber geben Lisa Hengelhaupt (8) und Verena Kästner (8) aus Buttelstedt dem Professor eine Eins.

"Wir haben ganz viel aufgeschrieben", sagt Lisa und deutet auf die krakeligen Zeilen in ihrem Heft. Auch das sei eine neue Erfahrung für die Kinder, sagt Lehrer Tobias Klingstein: Zuhören und Mitschreiben.

Neugierig machen und einen Eindruck vom universitären Leben vermitteln - das ist Ziel einer Kinder-Uni. Ob sich die Schüler alles merken, ist zweitrangig. Einen kleinen Unterschied zwischen Fußball und Politik gebe es aber, räumt Brodocz ein, bevor er seine Zuhörer zum Mittagessen in der Mensa entlässt: "In einer Demokratie müssen alle mitspielen, beim Fußball nicht."

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