Die Kraft des Einzelnen

Karsten Jauch zur Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo.

Geir Lundestad ist so etwas wie die geheime Macht des Nobelkomitees. Der 65-jährige Geschichtsprofesssor aus der norwegischen Provinz berät offiziell zwar nur das Komitee, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass er auch die Vorschläge sichtet.

Und Geir Lundestad hat eine Faustregel für den würdigen Preisträger gefunden. Fällt der Name des Kandidaten, so sollte der erste Gedanke an den Frieden gehen. Dass aus diesem Raster Papst Johannes Paul II. und Helmut Kohl herausfallen, kann man nun leicht verstehen. Frieden ist nicht der erste Gedanke, der einem dazu einfällt.

Bei Liu Xiaobo ist das nicht anders. Da denkt man auch nicht sofort an Frieden. Seit Jahren setzt sich der Dissident für mehr Menschenrechte ein, was in seiner Heimat eine Durchsetzung der individuellen Persönlichkeitsrechte gegenüber einem Kollektiv sein dürfte.

Erst auf den zweiten Blick fällt bei Liu Xiaobo das Friedensverlangen auf. Denn er fordert nicht den Umsturz des Regimes, er will kein Tribunal und auch keine Revolte. Er fordert eine demokratische Transformation.

Genau damit trifft er die Herrscher in Peking, die dafür Macht aufgeben müssten. Ihre Reaktion auf die Vergabe des Nobelpreises läuft folglich wie im Drehbuch ab. Da werden Gegen-Auszeichnungen vergeben wie einst in Moskau. Da wird zum Boykott aufgerufen wie einst bei internationalen Sportwettkämpfen. Da mag die chinesische Regierung vor Wut schäumen, der Friedensnobelpreis hat eine Würde, die mit derartigen Angriffen nicht zu diskreditieren ist.

Liu Xiaobo wurde der Nobelpreis für seinen gewaltfreien Kampf für Menschenrechte in China überreicht. Das hat eine Dimension wie einst das Wirken Mahatma Gandhis.

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