Halbzeit: Bühne frei fürs Boxen

Steffen Eß über das Comeback des Jahres 2020 und einen Spiegelbild des Faustkampfes von heute.

Steffen Eß

Steffen Eß

Foto: Sascha Fromm

Ein eigener Wikipedia-Eintrag ist angelegt, Wettanbieter halten Quoten vor, zwei eigens kreierte Gürtel soll es geben und eine Doku. Die Macher haben die Geldmaschine für das Comeback des Boxsports 2020 angeworfen: Mike Tyson vs. Roy Jones jr.

Vor zwei Jahrzehnten Jahren wäre es ganz großer Sport gewesen, vielleicht der Jahrhundert-Kampf. Was Boxfans am 28. November im kalifornischen Carson erwartet, fällt schwer, um es als mehr zu begreifen als riesen Theater. Zwei der besten Schwergewichtsboxer, beide nun in die 50, wollen zeigen, dass sie es noch draufhaben, dass der Wille die Natur obsiegen kann.

„Ganz einfach, weil ich es kann“, wurde Tyson zitiert, seit er seine Rückkehr nach 15 Jahren Ringpause ankündigte und mit Jones jr. auf einen nicht weniger Großen trifft. Mittlerweile ist der für September vorgesehene Kampf auf November verschoben worden. Und es ist still darum geworden.

Was wird mit 54 und grauem Bart übrig sein von der brutalen Schlagkraft des „Iron Mike“? Was kann der einst brillante Techniker Jones jr. mit 51? In den Videos schlägt der Ex-Weltmeister in fünf Gewichtsklassen scheinbar noch so blitzschnell und Tyson mit gewaltiger Wucht. Wenn die Box-Rentner aufeinandertreffen, wiegen ihre Handschuhe zum Schutz zwei Unzen mehr als üblich. Die Runden sind eine Minute kürzer.

Es soll nicht um die Gagen gehen. Jedenfalls wird sich bemüht, den guten Zweck darzustellen, wohin der Erlös fließen soll, und das Bild eines Schaukampfes. Boxen als millionenschwer verpackte Zirkusnummer, ist nicht ganz neu.

Das Spektakel hält dem Berufsboxen im Jahr 2020 einen Spiegel vor. Viel Komödie überstrahlt zu wenig Kampf und Kämpfer von Format. Die Rückkehr der Stars wirkt als inszenierte Antwort auf die aktuell von einem Tyson Fury dominierte Szene. Im Seilquadrat ist der Brite ungeschlagen seit 31 Kämpfen, außerhalb des Rings wird er wegen Klamauk, Skandalen und abfälliger Bemerkungen nicht ernst genommen.

Boxen, das in den 90er- und 2000er-Jahren Millionen vor den Bildschirmen versammelte, steckt in der Krise. Hierzulande seit dem Ende der Ära Klitschko erst recht.

Unvergessen die Rückkehr von „Gentleman“-Boxer Henry Maske – mit 43. Für Kenner besaß das Duell 2007 mit Virgil Hill nicht mehr den Schauwert, verschaffte Maske aber Anerkennung. Er bewahrte seine Würde, die Schwergewicht Axel Schulz bei seinem zur Lachnummer verkommenen Comeback 2006 zwischen den Ringseilen verlor. „Kirmesboxen beim Altherrenabend“ überschrieb die Süddeutsche Zeitung der Tracht Prügel.

Nun, nach den Maske, Sven Ottke, Graciano Rocchigiani oder Arthur Abraham – scheint das Beste, was das Land des Max Schmeling zu bieten hat, Felix Sturm zu sein; ein Bald-Rückkehrer mit 41.

Weit weg scheint die Zeit, in der die „Berliner Illustrierte Zeitung“ einen aufblühenden Sport beschrieb. „Im Zirkus, in großen Radrennbahnen türmt sich rings um die Seile der Kampfstätte das vulkanische Gebirge der Zuschauermassen, das Erregungsausbrüche wie Lava speit….“, schwelgte das Blatt vor 100 Jahren vom Boxspektakel und skizzierte es als „Das neue Schauspiel für die Masse“.

Mit gut dotierten Schaukämpfen schon damals. So soll der Franzose Georges Carpentier sieben Millionen Mark für eine 70-tägige Tour durch Amerika erhalten haben. Die Show-Bühne suchte Tyson schon eher. Um seine Geschichte zu erzählen, ist der K.o.-Schläger mit seiner Autobiografie auf Tour gewesen. In einem Broadwaystück spielte er 2014 sein Leben nach. „Tyson sprudelt vor sich hin, unterhaltsamer als erhofft, dann aber doch ermüdender als befürchtet“, schrieb die FAZ damals über einen Mann, der im Leben krachend zu Boden gegangen war, der 300 Millionen Dollar verjubelte, zwei Haftstrafen verbüßte; der im Spiel über sich selbst lacht, sich nicht ernst nimmt. Der mit 54 dahin zurückkehrt, was ihn zum gefürchtetsten Boxer dieser Welt gemacht hatte.

Dem Duell der Oldies darf ein Stück Irrsinn zugeschrieben werden. Beiden wäre zu wünschen, dass sich die Welt danach nicht über sie lustig macht. Das Boxen scheint auf gutem Weg dorthin.