Halbzeit: Ein Baum für jeden siebten Fan

Steffen Ess über Profi-Fußball und Umweltschutz.

Steffen Ess.

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Foto: Andreas Wetzel

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Serienmeister, Rekordmeister und inzwischen Mehrweg-Meister. Der FC Bayern setzt in den Augen der sogenannten „Reuse“-Konferenz Maßstäbe im Umweltschutz. Das hat er mit dem Reusable-Award schriftlich.

Dabei ist der Umweltschutz-Gedanke und das Kicker-Geschäft ein Widerspruch in sich. Die schönste Nebensache der Welt darf als Klimasünde betrachtet werden.

Die Öko-Bilanz eines einzigen Fußballspiels jedenfalls ist gemessen an einer Studie im Auftrag von Deutschlandfunk verheerend. Der Klimaschutzberater Patrick Fortyr zeichnet darin einen gigantischen CO2-Fußabdruck nach, den Fußballfans mit Anreise bei einem Spiel hinterlassen. Demnach müssten auf einer Fläche von 48 Fußball-Feldern 60.000 Bäume gepflanzt werden, um die Klimasünden der Anhängerschaft an einem Bundesliga-Spieltag auszugleichen.

Ein Baum für jeden siebten Fan.

Die Werte fußen auf dem errechneten Verbrauch eines Fans anhand des Weges von der Haustür bis ins Stadion und zurück; ein halber Liter Bier, einen Bissen Bratwurst, Brötchen und einen Schluck Limo inklusive. Macht 7753 Tonnen Kohlendioxid.

Wie alle Zahlen in Zusammenhang mit dem Klimawandel und den gespenstischen Folgen haben auch diese Aufrüttelndes wie Bedrückendes. Zusammen mit Müll verursachen die 400.000 Stadiengänger an einem Bundesliga-Spieltag 120 Tonnen Kohlendioxid. 120 Tonnen CO2. Dafür müsste man per Auto mehr als zwölf mal die Erde umfahren. Und so viel hinterlassen im Schnitt zehn Bundesbürger pro Jahr. Dabei sollte das klimarettende Ziel laut Berechnungen der Klimaforscher sein, dass jeder Bürger nur ein Zehntel davon verursacht.

Obgleich zwei Drittel des errechneten Pro-Kopf-Verbrauchs auf die Mobilität und Bier und Limo zurückgeht, ist der Appell der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ernst aufzufassen, wenn sie die Bundesliga-Vereine auffordert, Mehrweg-Becher einzusetzen. Ernster, als es die Auszeichnung des FC Bayern mit dem Reusable-Award 2019 auf den ersten Blick sein könnte.

Der Branchenführer ist vor Kurzem bei der „Reuse“- Konferenz für den beispielhaften Einsatz von Mehrweggetränkebechern in der Allianz-Arena geehrt worden. Bereits im vergangenen Jahr verlieh ihm die Umwelthilfe den Titel Mehrweg-Meister, als er damit begann.

Zum Feigenblatt macht den Preis die Begründung, mit der die DUH mit weiteren Ausrichtern den europäischen Preis vergab. Bei den Heimspielen des FC Bayern werden demnach Mehrwegbecher genutzt. Dadurch würden pro Saison 1,9 Millionen Einweg-Plastikbecher vermieden werden. Weil zwei Euro Pfand erhoben werden und die Becher wiederverwendet werden können, sei das Mehrwegbeispiel des FC Bayern München eine einzigartige Erfolgsgeschichte und solle europaweit Schule machen.

Einige Thüringer Vereine sind dem bereits einen Schritt voraus. Außer dem FC Rot-Weiß. Weil die Zuschauerzahl zu gering ist, verwendet der Klub in der Stadionversorgung Einwegbecher, immerhin biologisch abbaubar. Carl Zeiss Jena hat längst auf Mehrweg umgestellt. Der Drittligist nutzt zudem ebenso die Chance, um die mit Emblem versehenen Plastik-Bembel als Werbung an den Mann zu bringen. Genauso wie Volleyball-Bundesligist Schwarz-Weiß Erfurt, der dabei ist, die Becher mit dem Konterfei der neuen Spielerinnen an den Markt zu bringen. Zwei Euro für ein Souvenir und einen Beitrag für die Umwelt.

Der Ruf nach mehr Umweltbewusstsein scheint im Profifußball angekommen zu sein. Waren es in der vergangenen Saison noch sieben Erstligisten, die auf Einweg setzten, sind es in dieser Saison nur noch vier. Aus zehn Zweitligisten wurden acht.

Von allen ist Mainz als erster klimaneutraler Verein so etwas wie der Vorreiter. Stadion, Geschäftsstelle, Fanshop und Catering sind auf Ökostrom umgestellt worden. Andere Klubs ziehen nach. Freiburgs Trainer Christian Streich sieht bei der Umsetzung der Maßnahmen dennoch eine große Diskrepanz. „Wenn die Kinder mit mir reden und fragen würden: “Sag‘ mal, wie sieht es eigentlich bei dir aus?‘ Dann müsste ich das ein oder andere Mal beschämt den Kopf abwenden“, wird er zitiert. Aber genau darum gehe es, „dass es ausgesprochen wird, dass ein Bewusstsein geschaffen wird“.

Der Preis an den FC Bayern denkt insofern auch den Makel auf. Was auf der Dorf-Kirmes gelingt und bei Festivals üblich ist, soll bei den millionenschweren Fußball-Klubs durch einen Preis zum Nachahmen anregen?

Viel heiße Luft. Viel Luft nach oben.

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