Halbzeit: Läuft

Steffen Ess über Gutes, das so nah liegt.

Steffen Ess.

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Foto: Mediengruppe Thüringen

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Er sagte, er hätte lange getüftelt, bis ihm die Idee gekommen war. Einen Magneten in die Mütze eingenäht, eine Unterlegscheibe an die Unterseite einer Camping-Tasse geklebt, die Kinder schrieben Papa drauf. Fertig.

So lief Heiko Wolf nun an diesem 24. August mit einer Tasse auf dem Kopf von der Kanustation am Nettelbeckufer aus nach Gispersleben und zurück, über den Petersberg, den Steiger, über Waltersleben und noch einmal durch die Erfurter Innenstadt zurück zum Nordpark. 42 Kilometer, um keinen einzigen Einwegbecher zu verbrauchen - und um lockeren Fußes nach 4 Stunden 20 Minuten im Ziel anzukommen. So, als wäre er mal eben Brötchen holen gewesen.

„Es ist meine Freizeit, da will ich mich nicht quälen“, erklärte der 44-Jährige aus Bischleben froh gelaunt seine Art, einen 42-km-Lauf zu genießen. Er sah den 6. Erfurt-Marathon weniger als Wettbewerb an als dessen Motto, sich so kreativ wie möglich am grünen Kerngedanken zu beteiligen.

Der Tassen-Trick des Landschaftsarchitekten belegt nicht zweifelsfrei, wie „grün“ ein Laufereignis wie der Erfurt-Marathon tatsächlich werden kann, um die Balance zwischen Sport, ökonomischen Interessen und einem Beitrag für die Umwelt zu halten. Er lieferte indes eben den Denkanstoß, den die Macher des Vereins Annakram verfolgen. „Laufend helfen“ heißt ihre Mission. Sie ist inzwischen weiter gefasst, als nur andere Vereine durch das Startgeld teilhaben zu lassen.

Zahlreiche Läufe dienen einem karitativen Zweck

Mit dem Ansinnen, Gutes zu tun, trifft der Erfurter Verein den Zeitgeist. Auch in Thüringen dienen zahlreiche Läufe einem karitativen Zweck. Allen voran der Röblinglauf in Mühlhausen. Er zog im Mai mehr als 4400 Teilnehmer an. Über 35.000 Euro gingen an das Kinderhospiz. Der Spendenlauf in Zeulenroda im Sommer, der 100-Kilometer-Feuerwehrmarsch durch den Landkreis Gotha zu Ostern, „Erfurt rennt“ für mehr Toleranz im Mai. Viele gute Benefiz-Beispiele finden sich in der boomenden Laufszene.

Die größte Lauf-Masche ist Jogging. Das war einmal. Das Laufen, das naturgegebene Werkzeug frühzeitlicher Nahrungsbeschaffung, stellt sich heute als globale Massenbewegung dar. Es bewegt Massen, zuweilen durchbricht es sogar Grenzen des Denkens. Mit bürgerlichem Namen heißt er Ahtiwara Khongmalai. Bekannt ist der 40 Jahre alte Musiker aus Thailand als „Toon Bodyslam“, der mit unfassbaren Lauf-Leistungen Popularität erlangt hat. 55 Tage, rund 55 Marathons, am Ende etwa 2150 Kilometer - und ein Ziel. Mit seinem Spendenlauf vor zwei Jahren vom 1. November bis 25. Dezember durch die 20 Provinzen des Landes wollte der Sänger der Band „Bodyslam“ 21 Millionen US-Dollar erlaufen, um Krankenhäuser zu unterstützen. Am Ende der selbstlosen Mission kamen 1,37 Milliarden Baht zusammen, damals 33 Millionen US-Dollar, heute 40 Millionen Euro.

Die Summe ist umso erstaunlicher, da viele Menschen in dem Königreich wenig besitzen. Tausende säumten die Strecke, Hunderte liefen dem Musiker mit, immer wieder warfen Menschen Geldscheine in Plastiksäcke, die Toons Begleiterinnen vor sich trugen.

Das Bestreben, Gutes zu tun, ist in dem buddhistisch geprägten Land tief verwurzelt. Dem Sänger geht es um mehr. „Wenn wir gesund sind, brauchen wir nicht ins Krankenhaus zu gehen. Wenn jeder Sport treibt, geht es ihm besser. Das ist besser, als den Krankenhäusern Geld zu geben“, wurde er im Juni von der Bangkok Post zitiert - nach einem weiteren Spendenlauf über 187 km im Nordosten des Landes. Wieder sammelte er mehr als eine Million Euro. Im Oktober will er im Süden einen Etappenlauf über 300 km folgen lassen.

Laufen macht glücklich und süchtig zugleich

Wie weit kann ein Mensch laufen? Die Frage stellt sich angesichts einer außerhalb der Vorstellungskraft liegenden 2150 km. Für den Laufneuling sind 5000 Meter viel. Der Einsteiger schaut ehrfürchtig zum Halbmarathon, der geübte Laufer liebäugelt mit dem Marathon. Und dem Marathoni bleibt die Herausforderung des Ultralaufes. Laufen macht glücklich - und wohl auch süchtig. So erleben immer neue Grenzerfahrungen Hochkonjunktur.

Den wohl längsten Laufwettbewerb gab es 1929. Er führte von New York nach Los Angeles über 5850 Kilometer, etwa 138 Marathons.

Zehn mal zehn hieß das Auftaktmotto der „Annakram‘ler“. Zehn Leute, die mit dem Laufen wenig bis nichts zu tun hatten, wollten 2010 beim Erfurter Silvesterlauf mitmachen, um hundert Euro für die Thüringisch-Kambodschanische Gesellschaft zu erlaufen. Inzwischen sind über ihr Projekt fast 16.000 Euro gespendet worden. „Laufend helfen“ läuft.

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