Kommentar: Londoner Knistern

Axel Eger über eine Datenpanne im Match um die Schach-WM.

Früher gab es die epischen Schlachten, gab es kalten Krieg wie zwischen Spasski und Fischer, verspiegelte Sonnenbrillen und geheimnisvolle Parapsychologen wie im Jahrhundertringen zwischen Karpow und Kortschnoi, gab es das erbitterte Wogen von Perestroika und Parteiräson zwischen Kasparow und Karpow.

Heute sind Kämpfe um die Schach-Weltmeisterschaft eher New Economy. Auf Effizienz getrimmte Duelle zwischen zunehmend jugendlichen Protagonisten. Die Generation Computer spielt wie ihre Rechenknechte: fast fehlerfrei. Schach, das Nullsummenspiel. Im Zweifel ist alles Remis.

Das Knistern nach vier nahezu makellosen Unentschieden im Londoner Match zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana muss also fast schon zwingend aus einer anderen, zeitgemäßen Ecke kommen. In einem Werbetrailer, der den italo-amerikanischen Herausforderer bei der WM-Vorbereitung zeigt, streift die Kamera kurz den Monitor. Prompt twittert ein Standbild seine Runde um die Welt und zeigt das Tableau der Varianten, mit denen sich Caruana beschäftigte. Russisch, Grünfeld und Orthodoxes Damengambit, wie es in Partie zwei tatsächlich aufs Brett kam.

Ein fahrlässiges Leck? Ein Fauxpas der ahnungslosen Filmemacher? Oder eine falsche Fährte? Eine gewollte Pointe? Um Carlsen in die Irre zu führen? Es ist völlig egal. Den Weltmeister wird es beschäftigen, wie einst die Argentinier Lehmanns Zettel beim Elfmeterschießen.

Und das Publikum? Lechzt mehr denn je nach einem Wetterleuchten am Ereignishorizont. Nach dem ersten Treffer. Und sei es auf Kosten eines Lecks.

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