Kommentar zur Thüringen-Wahl: Rekorde, Chaos, Eitelkeiten

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Jan Hollitzer über den Ausgang der Landtagswahl.

Jan Hollitzer, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen.

Jan Hollitzer, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen.

Noch nie wurde die Linke stärkste Kraft bei einer Landtagswahl. Noch nie kam sie auf 30 Prozent. Noch nie waren SPD und CDU schwächer. Noch nie hat eine Partei über etwa 13 Prozent zugelegt. Nun also die AfD – mit einem Spitzenkandidaten, den 66 Prozent der Thüringer laut Forschungsgruppe Wahlen für „eine Gefahr für die Demokratie“ halten.

Dieser Abend der Rekorde mag ein Fest für Statistik-Fans gewesen sein. Thüringen aber könnte er ins politische Chaos führen – samt Neuwahl. Die Parteien der Mitte wurden zwischen Linken und AfD aufgerieben. Der Lagerwahlkampf hat sich in Zahlen manifestiert.

Das Land steht scheinbar vor der Unregierbarkeit.

Erstens: Aufgrund verschiedener Ausschlussbekundungen ist rechnerisch keine Regierungsbildung möglich. Die AfD wird von allen als Partner abgelehnt. CDU und Linke hätten eine Mehrheit. Doch hier gibt es sogar Parteitagsbeschlüsse, die eine Zusammenarbeit ausschließen. Auch Viererbündnisse haben nicht genügend Sitze.

Zweitens: Rot-Rot-Grün hat die Mehrheit verloren. Die Stärke der Linken ging zu Lasten der SPD und der Grünen. Eine Minderheitsregierung müsste von CDU oder der FDP toleriert werden. Auch dies würde ein Umdenken voraussetzen.

Drittens: Bodo Ramelows Herausforderer Mike Mohring muss sich und seine CDU angesichts der Zahlen erst einmal aus einer Schockstarre befreien. Sein Ringen um das Mandat der Wähler für eine durch seine Partei geführte Regierung gipfelte in einer schallenden Minuselfprozentohrfeige.

Dennoch: Die Wahlbeteiligung ist erfreulich gestiegen. Auch weil Probleme wie Lehrermangel dringend gelöst werden müssen. Grund genug, um im Sinne der Wähler Eitelkeiten zu überwinden und eine Regierung zu bilden. Und zwar schnell.

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