Leitartikel: Abrechnung mit der DDR?

Hanno Müller über eine oft seelenlose Amtsbürokratie.

Hanno Müller. Foto: Marco Kneise

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Wer sagte noch gleich, was Recht ist, muss nicht gerecht sein? Oder war es doch andersherum: Was als gerecht empfunden wird, heißt noch lange nicht, dass es auch rechtens ist?

So oder so müssen es die Ein-Fach-Lehrer unter den Regelschullehrern gerade empfinden. An ihren Schulen machen sie oft seit vielen Jahren das Gleiche, einige vielleicht sogar mehr als ihre Kollegen. Bei den neuen Gehaltseinstufungen soll das aber keine Rolle spielen.

Ist das gerecht? Nein. Ist es rechtens? Ja. Darauf pocht jedenfalls das Thüringer Bildungsministerium, wenn es im besten Amtsdeutsch auf „ besoldungsrechtliche Hürden“ verweist, die eine Gleichbehandlung der über 400 Ein-Fach-Lehrer mit den restlichen 3000 Regelschulkollegen verhindern.

Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer. Es gibt 27 Jahre nach der Wende keinen vernünftigen Grund mehr, die Ein-Fach-Lehrer wegen ihrer früheren Spezialisierung zu benachteiligen. Die meisten dieser Lehrer unterrichten seit Jahren in mehreren Fächern und haben sich die dafür nötigen Kenntnisse hart erarbeitet. Sie tragen die gleiche Verantwortung für ihre Schüler und sie leisten das gleiche Stundenpensum. Wer diesen Menschen die Gleichbehandlung verweigert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass zwar Arbeit und Engagement wohl gelitten sind, es aber an der angemessenen Würdigung derselben fehlt.

Das haben die Ein-Fach-Lehrer, die längst Zwei- oder Drei-Fach-Lehrer sind, so nicht verdient. Es könnte sich sogar der Verdacht aufdrängen, dass hier einmal mehr auf Kosten einer Gruppe von Menschen mit der DDR abgerechnet werden soll. Mit Verlaub, das wäre armselig.

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