Leitartikel: Böser Wolf, armer Wolf

Johannes M. Fischer warnt vor einer Wolfs-Hysterie.

Johannes M. Fischer. Foto: Sascha Fromm

Johannes M. Fischer. Foto: Sascha Fromm

Foto: zgt

Der Wolf geht um. Und die Thüringer Christdemokraten haben ein Thema, das mal so richtig mobilisiert, weil es Angst macht: Weg mit allem Bösen. Amen.

Dass sich mit der größten politischen Partei eine Massenorganisation gegen die vier Pfoten stemmt, lässt erahnen, was Politik heute so umtreibt. Verkehrstote, Gewalt gegen alte Menschen, Gewalt gegen Kinder, Drogenmissbrauch, Korruption - ach, es gäbe der Themen viele, die es von der Bedeutung her durchaus mit dem Wolf und seinen 69 gerissenen Schafen und Ziegen aufnehmen könnten (wobei diese Zahl nur eine Vermutung ist. Wildernde Hunde oder andere „räuberische“ Tiere kommen auch noch infrage als „Täter“).

Aber ein Wolf ist dann doch mehr als ein Wolf. Er ist voller Symbolkraft. Er ist der rohe und blutrünstige Gegenentwurf zu einer Zivilisation, die in dem Glauben lebt, hoch entwickelt zu sein. Er ist fast unsichtbar, hinterlässt aber ziemlich sichtbare Spuren: zerfetzte Leiber, blutdurchtränkt. Manche sehen in ihm so was wie den fremdländischen Terroristen in der schönen, deutschen Tierwelt.

Weil er Inbegriff des Animalischen ist, findet er aber auch Bewunderer. Der Wolf, wenn man so will, markiert die Drehtür zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung, Klassizismus und Romantik.

In Wirklichkeit sprechen wir aber nur von einem armen Tier, das sich nach Thüringen verirrt hat. Es lebt auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz, umgeben von Autobahnen, geradezu chancenlos, noch einmal zu Lebzeiten in ein Rudel zu geraten. Mit vielen Menschen hat er übrigens etwas gemein: Er ernährt sich von Fleisch.

Das könnte Sie auch interessieren:

Was vom Schaf übrig blieb: Wolf erobert sich in Thüringen Lebensraum zurück

Neun Wolfsattacken bei Ohrdruf in kurzem Abstand

Wolf wird in Ohrdruf stärker überwacht