Meinung: Virtueller Hass wird real

TA-Online-Chef Jan Kanter über virtuellen Hass, der sich im realen Leben entlädt.

Katrin Göring-Eckardt veröffentlichte am Freitag beleidigende Posts, die gegen sie gerichtet sind. Foto: Rainer Jensen Foto: Rainer Jensen

Katrin Göring-Eckardt veröffentlichte am Freitag beleidigende Posts, die gegen sie gerichtet sind. Foto: Rainer Jensen Foto: Rainer Jensen

Foto: zgt

Wenn es sich bewahrheitet, was jetzt spekuliert wird, wäre ein deutlicher Wendepunkt im „Freunde“-Netzwerk Facebook erreicht. Die Ankündigung auf dem sozialen Netzwerk, dass ein Einfamilienhaus Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden könnte, hätte dann ausgereicht, damit genau dieses Haus in Flammen aufgeht. Vermutlich von Flüchtlingsgegnern in Brand gesteckt.

Wer sich täglich beruflich auf Facebook bewegt, oder bei Themen, die polarisieren, deutlich Stellung bezieht, muss seit einigen Jahren damit rechnen, dass eine Flut von Beleidigungen, „Shitstorm“ genannt, über ihn hereinbricht. Immer wieder wurde dabei auch mit Gewalt gedroht. Leeres Gerede, wie man bislang meist dachte.

Gerade heute hat sich auch die Thüringer Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt an die Öffentlichkeit gewandt und die schlimmsten „Posts“ vorgelesen. „Amischlampe“ heißt es da, oder „Ich schlage keine Frauen, aber bei dir würde ich eine Ausnahme machen“. Göring Eckardt wandte sich mit ihrer Klage direkt an Facebook.

Das scheint auch dringend notwendig. Das US-Netzwerk steht mit seiner Position zu Hass- und Gewalt-Botschaften bisher schon in der Kritik. Wenn der Hass aus der virtuellen Umgebung des Internets in realen Gewalttaten endet, wird es Zeit genauer hinzuschauen.

Letztlich steht aber bei aller berechtigten Kritik eigentlich nicht das Netzwerk im Blickpunkt: Nicht Facebook schreibt die Posts. Wir sind es, die uns in der Anonymität des Netzes dazu hinreißen lassen, sprachlich ausfallend zu werden und immer weiter zu eskalieren. Nicht jeder, der eine andere Meinung hat, ist gleich „krank“, hat den „IQ eines Toastbrotes“, ist „Pack“ – um drei Beispiele von der aktuellen TA-Seite zu nennen. Die Debattenkultur in Deutschland ist, um es zurückhaltend zu formulieren, verbesserungsfähig.

Die Thüringer Allgemeine hat es in den vergangenen Tagen verschiedentlich geschrieben: Wir begrüßen Debatten zu jedem Thema, wir finden es wichtig, dass auch kontrovers diskutiert wird. Wer aber, weil er sich mit seiner Meinung nicht ausreichend gehört fühlt, zu Hass und Gewalt aufruft, bewegt sich in die Nähe von Terroristen – und sei es nur im „Freunde-Netzwerk“. Dafür kann, dafür darf niemand Verständnis haben.

Auch wenn es vermutlich nicht cool ist, appellieren wir erneut an unsere Nutzer, verbal abzurüsten.

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