Corona-Spezial 4

„Der kommende Herbst macht mir Sorgen“ - Jenaer Infektiologe über die Folgen steigender Corona-Zahlen

Jena  Im Podcast „Hollitzer trifft“ äußert sich der Infektiologe Mathias Pletz zur Tatsache, dass wir ein Zusammenkommen einer zweiten Coronawelle mit der Grippewelle unbedingt verhindern müssen.

Corona und kein Ende – erneut spricht der Chefinfektiologe der Uniklinik in Jena, Mathias Pletz, im Podcast „Hollitzer trifft“ von TA-Chefredakteur Jan Hollitzer über Gefahren, die vom Sars-Cov2-Virus ausgehen, sowie über Erfolge bei seiner Erforschung und Bekämpfung.

Steigende Infektionszahlen vor allem unter Reiserückkehrern bereiten auch dem Jenaer Mediziner Sorgen. Im Gespräch erläutert er, was jetzt aus seiner Sicht nötig ist, um eine zweite Pandemie-Welle zu verhindern. Mathias Pletz über…

…Reiserückkehrer und die Gefahr, dass sich das Virus erneut verbreitet: Die aktuellen Zahlen müssen uns Sorge bereiten. Wir haben immer noch wenig Erfahrung mit dem Virus. Wenn wir auf das letzte halbe Jahr zurückblicken: Auch damals kam Covid-19 durch Reise-Rückkehrer aus den Skigebieten. Die Dinge wiederholen sich. Im Sommer ist das Risiko sicher niedriger als im Winter, weil unter anderem Wärme und UV-Strahlung die Ausbreitung des Virus durch die Luft behindern. Aber das Infektionsrisiko ist eben nicht gleich Null.

…die Sorglosigkeit junger Leute gegenüber dem Virus: Zahlen und Charakteristika der Infizierten zeigen, dass es auch viele junge Leute betrifft. Trotz des persönlich niedrigeren Risikos gibt es auch hier keine hundertprozentige Sicherheit. Wir haben junge Leute gesehen mit schweren Erkrankungen und vor allem auch schweren Folgeerscheinungen. Sie sind nicht ganz so vorsichtig wie ältere Menschen, die sich mehr Sorgen um ihre Gesundheit machen. Die Jüngeren haben sich vorbildlich verhalten während der Pandemie. Jetzt sind endlich Ferien, man kann wieder vor die Tür und in Urlaub fahren. Das kann man niemandem verdenken, ich halte das auch nicht für Leichtsinn.

…mögliche Konsequenzen aus dem Anstieg der Neuinfektionen: Wir müssen wohl die Maßnahmen abwägen gegen den Schaden, den wir verhindern. Letzterer lässt sich nur schwer beziffern. Das Tückische an der Pandemie ist, dass sich nicht vorhersagen lässt, wie sie verläuft. Alles kann sich in kurzer Zeit ändern. Ein Beispiel ist Neuseeland, das vor wenigen Tagen noch gelobt wurde, weil längere Zeit keine Neuinfektionen auftraten. Zwei Tage später gab es einen Ausbruch.

…einen Impfstoff und den Vergleich mit der Spanischen Grippe von 1918: Verschwinden wird das Virus sicher erst durch Impfungen. Das hat auch die Spanischen Grippe gezeigt. Da gab es noch keinen Impfstoff. Es gab drei große Infektionswellen. Danach war der Erreger zwar weiterhin ständig jedes Jahr präsent, verursachte aber immer seltener schwere Erkrankungen.

…die späte Entscheidung für Rückkehrer-Tests und eine Teststelle am Erfurter Flughafen: Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Teststelle schon gestanden hätte, bevor die Menschen in den Urlaub gefahren sind. Man hat angenommen, dass Risiko sei vertretbar. Nun zeigt sich, dass es in vielen Ländern wieder mehr Infektionen gibt, übertragen auch durch Menschen, die miteinander in den Urlaub fahren. Daraus würde ich aber keinen Vorwurf ableiten. Statt Energien auf die Suche nach Schuldigen zu verwenden, sollte man nach vorn sehen und schauen, was man besser machen kann.

…den bevorstehenden Herbst: Der kommende Herbst macht mir Sorgen. Ich habe auch keine Vorstellung, wie er sich gestalten wird. Ein zweiter Lockdown wird wirtschaftlich sicher nicht mehr möglich sein. Also müssen wir sehen, wo die gefährlichsten Schwerpunkte sind. Kindergärten, Schulen, von denen wir wissen, dass wir sie nicht schließen können. Kleinkinder unter zwei Jahren sollten keine Maske tragen. Mit Hochdruck suchen wir in Thüringen nach Systemen, durch die wir erkennen, ob partiell Einrichtungen geschlossen oder bestimmte Gruppen in die Isolation geschickt werden müssen. Aber das ist alles noch im Fluss.

…die Rolle von Kindern in der Pandemie und den Schulstart in zwei Wochen: Die Rolle ist nicht so groß wie bei Influenza, wo Kinder das Virus in hoher Konzentration über einen langen Zeitraum ausscheiden. Bei Covid-19 ist das nicht so. Aber das Risiko ist auch hier nicht gleich Null. Bei Kindern ab zehn, elf Jahren ist das Übertragungsrisiko ähnlich hoch wie bei Erwachsenen. Mit einer Maske werden deutlich weniger Viren ausgeschieden. Da reichen Masken, durch die sich gut atmen lässt. Meines Erachtens kann man älteren Kindern das Tragen einer solchen Maske zumuten. In Thüringen wird momentan noch darüber diskutiert, wie man es zum Schulstart in zwei Wochen machen wird.

…unterschiedlich ausfallende Tests bei ein und derselben Person: Wir kennen Fälle, in denen Patienten viermal negativ getestet wurden, beim fünften Mal positiv. Jeder sollte sich vor Augen führen, dass ein Virusabstrich eine Momentaufnahme ist. Das kann sich am nächsten Tag schon geändert haben. Bei der Neustadt-Studie hat sich gezeigt, dass bei der Hälfte der Menschen, die eine gesicherte Infektion mit Covid-19 hatten, sechs Wochen später keine Antikörper nachweisbar waren. Viele Experten stellen jetzt Antikörper-Tests per se infrage und es bleiben weitere offene Fragen.

…die Verkündigung erster Impfstoffe: Ich halte das für sehr mutig, kenne aber keine Details. Es war zu lesen, dass der Stoff an 76 Probanden getestet wurde. Da kann man nichts mit Sicherheit sagen. Deshalb werden Impfstoffe ja auch immer in großen Studien mit 10.000 oder 20.000 Leuten untersucht. Sicher sagen kann man wohl nur, dass der Impfstoff Antikörper erzeugt. Ob sie den Patienten auch schützen, ist nach wie vor offen. Wir werden aber in der kommenden Saison sicher noch keinen Impfstoff haben.