Tennisspielerin Ozga: „Außerhalb der Top-100 ist es schwierig“

Jakob Maschke
| Lesedauer: 6 Minuten

Erfurt.  Erfurts Spitzenspielerin Justine Ozga über ihre Zeit auf der internationalen Tennis-Tour, ihren möglichen Weg zurück und Borussia Dortmund.

Kosmopolitin: Justine Ozga, hier 2016 in einer Tennishalle in Bochum, wurde in Polen geboren, wuchs in Dortmund auf, schaffte es auf die internationale Damentennistour, lebte zwischenzeitlich in Spanien und studiert jetzt Psychologie in Wien.

Kosmopolitin: Justine Ozga, hier 2016 in einer Tennishalle in Bochum, wurde in Polen geboren, wuchs in Dortmund auf, schaffte es auf die internationale Damentennistour, lebte zwischenzeitlich in Spanien und studiert jetzt Psychologie in Wien.

Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Ihre Heimat ist Europa. Das hat ihre Zeit auf der internationalen Tennistour so mit sich gebracht. Justine Ozga (33), geboren im polnischen Gliwice, aufgewachsen in Dortmund, versuchte sich zehn Jahre auf der internationalen Damentour, holte dann ihr Abitur nach und zog zum Studium nach Wien. Seit 2019 spielt sie für das Damenteam des Erfurter TC Rot-Weiß.

Sie sprach mit uns über ihren Weg ins Profitennis, die Leidenschaft für Borussia Dortmund, warum sie trotz Turniersiegen nicht davon leben konnte, weshalb ihre sportliche Zukunft dennoch im Tennis liegen könnte und was sie ihren jungen Erfurter Mitspielerinnen zutraut.

Die Saison steht vor der Tür – zumindest hoffen das alle Tennisspieler. Glauben Sie, dass Sie mit den Damen des Erfurter TC Rot-Weiß pünktlich in die Regionalliga starten können?

Ich hoffe es und bereite mich vor. Wir wollen die Liga halten.

Sie wohnen in Wien. Können Sie dort ganz normal trainieren?

Seit etwa zwei Wochen wieder, ich habe eine Sondergenehmigung, da wir ja wieder draußen trainieren können. Am Montag wurde dann der Lockdown aufgehoben. Und ich glaube die Erfurter Mädels trainieren auch wieder.

Also werden Sie bereit sein?

Das sehen wir, wenn die Matches starten. Da die Mädels aber grundsätzlich ambitioniert und fleißig sind, werden wir den Umständen entsprechend gut vorbereitet sein.

Sie haben eine sehr interessante Vita. Wie ging’s los mit dem Tennis?

Mein Vater war früher leidenschaftlicher Sportler – vor allem Fußball, aber auch Tennis. Bei uns in der Nähe war eine Tennishalle, es hat mir von Anfang an viel Spaß gemacht.

Apropos Fußball: Haben Sie in Dortmund auch Interesse für die Borussia entwickelt?

Das geht gar nicht anders, wenn man in Dortmund wohnt. Ich habe viele Spiele leidenschaftlich mitverfolgt, unser Gymnasium war auch ganz in der Nähe des Stadions.

Ihre große Leidenschaft blieb aber das Tennis. Wie ging es weiter?

Die Trainer bescheinigten mir Talent, ich kam zum Bezirkstraining, Verbandstraining, wurde in der Jugend deutsche Meisterin und wusste früh, dass ich es auf der Profitour probieren will. Also habe ich mit 16 die Schule unterbrochen, um mich voll auf Tennis zu konzentrieren.

Mit beachtlichem Erfolg. Sie gewannen im Einzel zwei ITF-Turniere und schafften es 2007 auf Platz 259 der Weltrangliste, im Doppel waren es sogar acht ITF-Titel, unter anderem mit der deutschen Profispielerin Mona Barthel, und Platz 214. Allein für die Siege gab es knapp 100.000 Dollar Preisgeld.

Und dennoch waren es mehr Ausgaben – Flüge, Hotels, Startgebühren, Trainer, Ausrüstung – als Einnahmen. Wenn man die Top-100 geknackt hat, sollte man davon leben können, außerhalb ist es schwierig. Ich habe es viele Jahre versucht, auch mit Unterstützung der Eltern und Verbände, dann habe ich entschieden, dass es anders weitergeht.

Gab es einen Tag X, an dem Sie das entschieden haben und was hat letztlich sportlich gefehlt, um es in die Top-100 zu schaffen?

Es gab viele Bereiche, in denen ich mich hätte verbessern müssen. Aber der finanzielle Aspekt wog am schwersten. Während meiner zwei letzten Jahre auf der Tour hatte ich mich intensiver mit dem Abitur beschäftigt, es war ein schleichender Prozess, bis ich mit 26 gesagt habe: Du hast alles versucht, jetzt ist es Zeit, das Abi nachzuholen und zu studieren.

Wann sind sie mit Ihrem Freund, einem spanischen Tennistrainer, nach Wien gezogen?

Ich habe erst in Deutschland mein Abi nachgeholt und den A-Trainerschein gemacht, 2018 sind wir nach Wien gezogen und ich habe mit dem Psychologie-Studium begonnen, wo ich meinen Bachelor abgeschlossen habe und nun den Master beginne. Gemeinsam mit meinem Freund und zwei anderen ehemaligen Profispielern gebe ich zudem Tennistraining in einem Verein.

Wollen Sie hauptberuflich Tennistrainerin oder Psychologin sein?

Sportpsychologin könnte ich mir durchaus vorstellen.

Also jungen Spielerinnen helfen, die Ihnen bekannten Drucksituationen besser zu meistern?

So in der Art. Der mentale Aspekt ist in allen Lebenslagen wichtig, vor allem im Leistungssport, das habe ich selbst intensiv erlebt.

Zumal selbst Weltklassesportler immer häufiger Mentalcoaching in Anspruch nehmen.

Man ist generell offener dafür geworden. Immer mehr Spieler suchen sich eine sportpsychologische Quelle als Unterstützung.

Zurück nach Erfurt: Wie kam der Kontakt zum ETC Rot-Weiß zustande? Laut Vereinspräsident Torsten Meisel hat die mit Abstand beste Thüringer Tennisspielerin der letzten Jahre, Anne Schäfer, dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Wir kennen uns schon sehr lange, Anne ist eine sehr gute Freundin geworden. Sie hat mir den Verein empfohlen. 2019 habe ich die erste Saison in Erfurt gespielt, und es hat zwischenmenschlich und sportlich für mich gleich super gepasst, auch wenn ich in der Regionalliga ein paar Matches verloren habe.

Erfurts junge Talente Elisabeth Junge-Ilges und Stella Wiesemann werden sich sicher Tipps von Ihnen holen. Haben sie das Zeug, es ähnlich weit zu bringen wie Sie?

Klar gebe ich als mit Abstand älteste Spielerin Tipps (lacht). Aber sie sind auch von sich aus sehr ehrgeizig und professionell eingestellt, sodass für sie sicher vieles möglich ist.

Haben Sie dennoch Sorgen, speziell um den jüngsten Tennisnachwuchs, der monatelang nicht trainieren und spielen durfte?

Natürlich ist das ein Rückschlag und eine schwierige Situation. Aber ich sehe es in Österreich: Sobald sie wieder dürfen, strömen alle Kids wie verrückt auf die Tennisplätze.