AfD verliert sich in Machtkämpfen

Ein Jahr nach ihrer Spaltung hat sich die AfD-Bundesspitze erneut komplett zerstritten. Diesmal geht es kaum noch um den Kurs, sondern nur noch um die Macht.

Frauke Petry und Marcus Pretzell, ihr Lebensgefährte, beim Bundespresseball in Berlin. Der Besuch der Gala-Veranstaltung brachte ihr innerhalb der AfD, die gern von "Lügenpresse" spricht, sehr viel Kritik ein. Foto: Britta Pedersen

Frauke Petry und Marcus Pretzell, ihr Lebensgefährte, beim Bundespresseball in Berlin. Der Besuch der Gala-Veranstaltung brachte ihr innerhalb der AfD, die gern von "Lügenpresse" spricht, sehr viel Kritik ein. Foto: Britta Pedersen

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Die Stimmung in der bekennenden "Merkel-muss-weg-Partei" AfD lässt sich recht gut daran ablesen, dass Parteichef Jörg Meuthen (54) seine Mitvorsitzende Frauke Petry (41) "Frau Merkel" nannte.

Das sei wohl ein Freud’scher Versprecher gewesen, meinte Wirtschaftsprofessor Meuthen. Das liegt nah: Angela Merkel (61) ist promovierte Physikerin, Frauke Petry promovierte Chemikerin. Merkel singt gern Volkslieder, Petry sang im Kirchenchor. In Mimik und Gestik kann es Unterschiede geben.

Außerdem – das mag man berücksichtigen – hat Parteichef Meuthen, der mit der Leitung der AfD in Baden-Württemberg derzeit sehr beansprucht ist, seine Ko-Vorsitzende Petry, die auch die AfD in Sachsen lenkt, bei wichtigen Veranstaltungen länger nicht gesehen.

Beim Kyffhäuser-Treffen Anfang Juni zum Beispiel, zu dem Thüringens AfD-Held Björn Höcke geladen hatte, war Petry nicht zugegen. Aber Meuthen war zur Schlafstatt des alten Rotbarts gekommen und hielt eine Rede. Brandenburgs AfD-Landesvorsitzender Alexander Gauland (75) tat es ihm gleich.

Zuletzt hatten sich Meuthen, Gauland und Höcke hinter verschlossenen Türen in der Hauptstadt getroffen, um Petrys Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl 2017 zu verhindern. Petry sei charakterlich ungeeignet, wurde erklärt – getreu dem Motto "Frau Merkel".

Meuthen: "Gauland und Petry, das geht nicht"

"Ich kritisiere Frau Petry nicht, um selber Spitzenkandidat zu werden", sagte Meuthen dann unserer Zeitung. Fünf Jahre wolle er in Stuttgart bleiben. Ein gutes Spitzenteam um Partei-Vize Gauland sei stattdessen gut vorstellbar. "Gauland und Petry, das geht nicht", schränkte Meuthen flugs ein.

Das Treffen des Trios in Berlin, so kam es rüber, sei eine Art Notwehr gewesen auf Petrys enttarntes Bemühen, ihren Konkurrenten Meuthen in Stuttgart abzusägen, zumindest ein wenig zu quälen.

Im Streit mit dem AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon hatte Fraktionschef Meuthen sich in eine dumme Lage manövriert. Gedeon habe sich judenfeindlich geäußert und damit alle roten Linien überschritten, erklärte Meuthen. Wenn seine Fraktion den mutmaßlichen Antisemiten nicht ausschließe, gehe er stattdessen, lautete Meuthens Ultimatum.

Für Gauland war die Sache ebenso klar: "Um zu erkennen, dass das antisemitische Äußerungen sind, brauche ich keine Expertenkommission", sagte der Jurist unserer Zeitung. "Das ist antisemitisch." Für Gedeon sei in der AfD kein Platz.

In der Fraktion im Stuttgarter Landtag fand sich aber keine ausreichende Mehrheit für Meuthen. Es war wie High Noon auf staubtrüber Straße. In Meuthens Rücken auf einem der Dächer muss man sich "Frau Merkel" denken, die Meuthen sieht und blitzschnell beschließt: Herr Merkel. Sie stützte, heißt es, Meuthens Gegner in der AfD-Fraktion, um den Sturz des Chefs zu befördern.

Marcus und Frauke entdeckten ihre Liebe langsam

Dabei müssen persönliche Divergenzen in der AfD nicht unbedingt etwas bedeuten. Bundeschefin Petry und Marcus Pretzell, Vorsitzender des größten AfD-Landesverbands in NRW, sind ein gutes Beispiel.

Marcus und Frauke entdeckten ihre Liebe langsam, Marcus (42) aus Rinteln im Weserbergland und Frauke aus Dresden, groß geworden in der Niederlausitz.

"Anfangs konnten wir uns nicht ausstehen", teilte Petry der Zeitschrift "Bunte" kürzlich mit. Aber dann fanden Petry und Pretzell denselben Gegner: den Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, der die AfD Anfang 2013 gegründet hatte und einer ihrer ersten drei Bundessprecher wurde – wie Frauke Petry.

Es kam, unter Alternativen nicht unüblich, zu Streitigkeiten, zu zahllosen Querelen:

Lucke, Petry, Gauland gegen Höcke, wobei Lucke im Mai 2015 sogar Höckes Parteiausschluss betrieb, weil dieser gegenüber der Thüringer Allgemeinen geäußert hatte, nicht jedes NPD-Mitglied sei automatisch rechtsextrem.

Lucke wurde gestürzt, klappte sein Aktenmäppchen zu und ging

Fast parallel: Petry, Gauland, Höcke gegen Lucke. Dieser Streit, der sich im ersten Halbjahr 2015 zuspitzte, war ein Etiketten-Streit. Da, hieß es, gebe es die Wirtschaftsliberalen (um Lucke) und dort die Nationalkonservativen (um Petry und Höcke). Andere sagten: Es gehe überhaupt nicht um inhaltliche Fundamentalunterschiede, sondern allein nur um Macht.

So kam es, Anfang Juli 2015, zum Krisen-Parteitag in Essen. Lucke sagte vor 3500 Delegierten, er wünsche sich endlich Eintracht – und wurde ausgebuht, auch weil das seltsam wirkte nach allem, was geschehen war in der Partei, auch dank Luckes Zutun.

Petry aber hielt eine mächtige Rede: Lucke wurde gestürzt, klappte sein Aktenmäppchen zu und ging. Wenig später fing er von vorn an und gründete eine neue Partei, die er "Alfa" nannte. Sein Omega hatte er schon, es spielt Orgel und heißt Frauke.

Marcus und Frauke aber kamen sich Lucke-halber näher und nah, Frauke, die auch musisch sehr Begabte, und Marcus, der Advokat, Spezialist für Immobilienrecht.

Es passierte.

"Ich fand Frauke immer attraktiver", sagte Pretzell der Zeitschrift "Bunte". "Sie hat so etwas dämonenhaft Schönes."

Das Dämonenhafte an ihr ist auch anderen Männern nicht ganz fremd.

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