Kiew. Der neue Chef des Rüstungskonzerns Ukroboronprom ist erst 31 Jahre alt. Doch für Selenskyj ist er eine Geheimwaffe im Ukraine-Krieg.

  • Im Kampf gegen Russland setzt der ukrainische Präsident Selensyj auf junge Führungskräfte
  • Einer von ihnen: der neue Chef des Rüstungskonzerns Ukroboronprom Herman Smetanin
  • Was ihn zu einer echten Geheimwaffe macht

Als junger Mann hatte Herman Smetanin einen Traum: Er wollte Konstrukteur in der Automobilindustrie werden, studierte Ingenieurwissenschaften in der ostukrainischen Stadt Charkiw. Mit Anfang zwanzig verdiente er sich als Nachhilfelehrer für Mathematik und Physik etwas dazu. Heute ist der 31-Jährige der mächtigste Rüstungsmanager der Ukraine.

Mitten im Krieg legte Smetanin eine Senkrechtstarter-Karriere hin. Präsident Wolodymyr Selenskyj ernannte den Ingenieur vor Kurzem zum Chef des staatlichen Rüstungskonzerns Ukroboronprom, was übersetzt so viel wie „Ukrainische Rüstungsindustrie“ bedeutet. Rund 100 Unternehmen mit insgesamt 60.000 Mitarbeitern sind unter diesem Dach vereint.

Das Schlüsselgebäude von Ukroboronprom wurde seit Februar 2022 rund 150 Mal von russischen Drohnen und Raketen getroffen. Einen guten Ruf hatte der Wirtschaftsgigant nie. Die schiere Größe begünstige Korruptionsgeschäfte, munkelte man. Früheren Top-Managern wurde im Laufe der Jahre sogar Staatsverrat vorgeworfen – zu Gunsten von Russland.

Ukraine: Selenskyj setzt auf junges Führungspersonal in Machtpositionen

Dass Selenskyj auf vergleichsweise junge Persönlichkeiten an entscheidender Stelle setzt, ist eher die Regel als eine Ausnahme. Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren trieb der Präsident eine massive Verjüngung in den ukrainischen Etagen der Macht voran.

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Nach seinem Studium stieg Smetanin zum Chefkonstrukteur und Chefingenieur des Panzerwerks in Lwiw auf. 2021 wurde der damals 28-Jährige zum Leiter des als strategisch wichtig eingestuften Panzerwerks in seiner Geburtsstadt Charkiw ernannt. „Ich bereue überhaupt nicht, dass es anders als geträumt kam“, sagt er rückblickend.

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Smetanin hat sich im Ukraine-Krieg bereits bewiesen

Insider aus der Branche sagen über Smetanin einstimmig: Man sollte weniger auf sein Alter und mehr auf seine zehnjährige praktische Erfahrung in der Industrie schauen. Die Produktionsdisziplin in den Werken, für die Smetanin in Führungsfunktionen tätig war, soll systematisch besser als bei anderen Unternehmen gewesen sein.

Herman Smetanin ist Vorsitzender der Aktiengesellschaft der ukrainischen Verteidigungsindustrie, dem Nachfolger des Staatskonzerns Ukroboronprom.
Herman Smetanin ist Vorsitzender der Aktiengesellschaft der ukrainischen Verteidigungsindustrie, dem Nachfolger des Staatskonzerns Ukroboronprom. © Kyiv Polytechnic Institute | Kyiv Polytechnic Institute

Das Entscheidende für seine Ernennung zum Ukroboronprom-Chef war aber wohl, dass Smetanin die Reparatur und Modernisierung der gepanzerten Fahrzeuge in Charkiw auch noch meisterte, als die ostukrainische Millionenstadt ganz nahe an die Front war und jeden Tag unter Artilleriefeuer stand.

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„Unter Kriegsumständen ist seine Ernennung am optimalsten“, sagte Hlib Kanewskyj, Chef der Expertenorganisation für ukrainische Aufrüstung StateWatch, gegenüber dem Radiosender NV. „Er ist weder Politiker, noch Finanzier, noch klassischer Manager, sondern eben Rüstungshersteller.“ Für Smetanin spricht laut Kanewskyj auch, dass er zu keinem Zeitpunkt politisch protegiert wurde. Familiäre Verbindungen zu branchennahen Beamten und Politikern gibt es im Falle von Smetanin nicht.

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Neuer Chef Smetanin: „Jung und progressiv“?

Als „junger und progressiver Anführer“ wurde Smetanin vergangene Woche von Oleksandr Kamyschin, dem für Ukroboronprom zuständigen Minister für strategische Industrien und einem Selenskyj-Vertrauten, vorgestellt. Noch vor kurzem war der mit 39 Jahren ebenfalls sehr junge Kamyschin erfolgreicher Chef der Ukrainischen Bahn, die trotz des Krieges extrem zuverlässige Arbeit leistete.

Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius (SPD) bei der Übung Griffin Storm der deutschen eVA-Brigade (eVAenhanced Vigilance Activities Brigade) in einem Transportpanzer Fuchs der Bundeswehr.
Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius (SPD) bei der Übung Griffin Storm der deutschen eVA-Brigade (eVAenhanced Vigilance Activities Brigade) in einem Transportpanzer Fuchs der Bundeswehr. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Seit März ist Kamyschin auf seinem neuen Ministerposten eine Art „Aufsichtsratvorsitzender“ der ukrainischen Rüstungsindustrie – mit Erfolg: Die Produktion von Munition der sowjetischen Kalibers, die fast nirgendwo mehr eingekauft werden kann, soll sich seit Kamyschins Ernennung verdreifacht haben. Das hat auch Selenskyj registriert. Er lobte den Fortschritt bei der Munitionsproduktion ausdrücklich.

Strategische Partnerschaft mit dem deutschen Unternehmen Rheinmetall

Anders sieht es offenbar bei der Raketenproduktion aus. Smetanins Vorgänger hatte Selenskyj angeblich versprochen, dass ukrainische ballistische Sapsan-Raketen, international Hrim-2 genannt, bis Mai 2023 massenhaft russische Kriegslogistik angegreifen könnten. Doch davon konnte keine Rede sein. Das soll Smetanin nun ändern.

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Auch die strategische Partnerschaft von Ukrboronprom mit Rheinmetall soll der 31-Jährige vorantreiben. Sie war im Mai angekündigt worden. Noch im Sommer soll ein Joint Venture gegründet werden, an dem Rheinmetall 51 Prozent der Aktien besitzen wird. Vorerst soll sich das gemeinsame Unternehmen auf die Reparatur und Wartung der an die Ukraine gelieferten Technik aus deutscher Produktion beschäftigen.

In den bestehenden ukrainischen Fabriken sollen aber zügig deutsche Waffen hergestellt werden, im ersten Schritt dürfte es um die Transportpanzer Fuchs gehen. Dass Rheinmetall darüber hinaus perspektivisch eine eigene Panzerfabrik in der Ukraine bauen möchte, sagt der Konzern ganz offen.