Berlin. DFB ohne Adidas: Bei dem Gedanken entdeckt die rot-grüne Politik plötzlich ihre Heimatgefühle. Und Kunden ihre Liebe zum EM-Trikot.

Ein Geschenk zum Fünfzigsten. Für die Frau, die schon alles hat. Und wenn nicht, dann kauft sie es sich. Ich bin mit meiner Freundin unterwegs. Wir shoppen zusammen. Sie steht für Räucherstäbchen im Naturkaufhaus an der Kasse, als ihr einfällt, dass sie einen Auftrag hat. Sie muss das offizielle EM-Trikot unserer Fußballjungs kaufen, eben für den Geburtstag. Das Auswärtstrikot ist pink mit lila-Farbverlauf Richtung Bund, an den Schultern drei weiße Streifen. Auf dem weißen Heim-Trikot sind die drei Streifen umrandet von dem Schwarz-Rot-Gold der Deutschlandflagge.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das Pink-Lila-Shirt ist richtig cool, finde ich. Aber wow, 99 Euro. Ganz schön viel für ein Geschenk. „Wir haben zusammengeschmissen“, sagt die Freundin. Sie steht in der Umkleidekabine und prüft, ob der Damen- oder Herrenschnitt lässiger sitzt. Mir wird heiß, ich schwitze unter meiner luftdichten Regenjacke in der Kaufhausluft. Die Freundin nimmt die Herrenversion.

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An der Kasse streicht die Verkäuferin beim Zusammenlegen über den Funktionsstoff. „So ein schönes Shirt“, sagt sie. Und dann reißt sie ihre Mascara-Augen auf. „Schlimm, dass es künftig Nike sein soll.“ Sie spielt auf die Entscheidung des DFB an, sich künftig vom amerikanischen Konkurrenten ausstatten zu lassen. Nach 75 Jahren deutscher Fußballgeschichte, zu der doch immer Adidas gehörte.

Ja, diese Entscheidung regt richtig auf. Unseren grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck zum Beispiel. Adidas und Schwarz-Rot-Gold gehörten für ihn zusammen, es sei ein Stück deutscher Identität. Und so spricht er von Standortpatriotismus, den er sich gewünscht hätte. Und dann der Gesundheitsminister Karl Lauterbach: Dass Adidas nicht mehr Nationaltrikot sein solle im Fußball, „halte ich für eine Fehlentscheidung, wo Kommerz eine Tradition und ein Stück Heimat vernichtet.“

Der Deutsche Adler: Seine Zacken integriert Adidas ins Trikot

Meine Güte, so viel Nationalstolz, ganz ungewohnt aus dieser rot-grünen Richtung. Aber klar: Wird Nike zum Beispiel so liebevoll wie Adidas die Zacken des Deutschen Adlers in die Farbverläufe integrieren? Die Tradition des Staatssymbols reicht schließlich bis ins Heilige Römische Reich.

Birgitta Stauber schreibt in ihrer Kolumne Frauengold über Familie, Gesellschaft und die aktuelle Lage.
Birgitta Stauber schreibt in ihrer Kolumne Frauengold über Familie, Gesellschaft und die aktuelle Lage. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Zugegeben: Das ist deutsche Romantik pur, und die ist ziemlich pathetisch. Und eben diese quasi zum Kitsch verklärte Romanze mit tragischem Ausgang soll nun die Waffe sein, die gegen den eiskalten Kommerz gerichtet wird: Wie kann es der DFB wagen, die deutsche Fußball-Seele zu verkaufen?

Kurz: Weil ihm offenbar das Wasser bis zum Hals steht, und dann ist eben Schluss mit Seele. Der DFB kämpft mit horrenden Steuerrückzahlungen, lese ich, horrenden Kosten für den neuen Campus, horrender Misswirtschaft. Mit Nike kassiert er – laut Handelsblatt – künftig mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr. Adidas soll laut Medienberichten nur die Hälfte zahlen – und das bei den aktuellen Verhandlungen noch unterboten haben.

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Und da frage ich mal den Wirtschaftsminister, der plötzlich für ihn so fremde Worte wie deutsche Identität und Standortpatriotismus in den Mund nimmt. Und den Gesundheitsminister, der von Tradition und Heimat spricht: Hätte Adidas da nicht ein Schüppchen drauflegen müssen? In dieser nationalen Verantwortung? Warum spielt die deutsche Kultmarke so mit den Gefühlen der Kundinnen und Kunden? Leute wie meine Kinder, die sich zu Weihnachten nichts sehnlicher gewünscht haben als ein paar Sneaker mit drei Streifen. Wochenlang hatte ich recherchiert auf allen möglichen Portalen von Vintage bis KaDeWe, bis schließlich ein Paar weiß mit rot unter dem Baum lag, eins schwarz mit weiß und eins grün mit orange.

Für ihn schwärmt die Freundin unserer Kolumnistin: İlkay Gündoğan.
Für ihn schwärmt die Freundin unserer Kolumnistin: İlkay Gündoğan. © Robert Michael/dpa | Unbekannt

Die Verkäuferin im Kaufhaus, wo meine Freundin und ich an der Kasse stehen, sagt, sie werde sich auch noch eins von diesen EM-Trikots kaufen. Natürlich das pinke. Meine Freundin findet, darin würden die Jungs sicher super aussehen, „vor allem İlkay Gündoğan“. Sie überlegt nun tatsächlich, ob sie sich auch noch schnell eins sichern soll. „Würde doch super aussehen beim Joggen durch den Stadtpark.“ Da ist was dran. Ich jogge immer im Shirt vom Kaffeeröster.

Noch besser als gut aussehen wäre natürlich gut spielen. Für ein Sommermärchen 2.0. Dann wäre der ganze Ärger schnell vergessen – und der Fußball hätte seine Seele zurück. Ganz ohne Adidas.