Der blaue Himmel über dem Stasiknast in der Erfurter Andreasstraße

"Die Freigangzellen waren richtig brutal", sagt Christian W. Staudinger. "Unten die grau betonierte Enge des Stasiknastes, oben die Freiheit des blauen Himmels, das vergisst man nicht." Wegen eines Fluchtversuches hatte der 60-Jährige Anfang der 70er Haft und Folter ertragen müssen und dabei den schikanösen und demütigenden Haftalltag in der Andreasstraße kennengelernt.

Historische Ansicht der Freigangzellen im Innenhof der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße. Foto: W. Hase, Gesellschaft für Zeitgeschichte

Historische Ansicht der Freigangzellen im Innenhof der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße. Foto: W. Hase, Gesellschaft für Zeitgeschichte

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Erfurt. Staudinger war einer von gut einem Dutzend Zeitzeugen, die sich am Dienstagabend zum nunmehr dritten Mal im Haus Dacheröden mit Opfervertretern und Verantwortlichen der Gedenkstätte Andreasstraße zu Gesprächen trafen. Diese sollen vor allem den Zeitzeugen die Möglichkeit geben, mit ihren Erinnerungen und Erfahrungen auf die konkrete Ausgestaltung des entstehenden Haftmuseums Einfluss zu nehmen.

Das Problem bei den Freigangzellen: die engen, nur nach oben offenen Schläuche im Knasthof existieren nicht mehr. Laut Matthias Sengewald von der Gesellschaft für Zeitgeschichte wurden die Mauern Anfang der 90er abgerissen. Nur noch die Nummern an der Hauswand erinnern an die sechs asymetrischen Steinkäfige.

Zeitzeugen und Aufbaustab aber sind sich einig, dass die Freigangzellen wieder sichtbar gemacht werden sollen. Ein im Entwurf des Architekturbüros vorgesehenes symbolisches Gerüst fand keine Zustimmung, es zeige weder Asymetrie noch Isolation der Hofgänge. "Abreißen und das Geld für sinnvollere Sachen verwenden", empfahl Uwe Kulisch als Vertreter des Vereins "Freiheit e. V.".

Für derartige Eingriffe in das Architekturkonzept sieht der Leiter des Aufbaustabes, Jochen Voit, jedoch kaum Erfolgschancen. Zustimmung erhielt Voit für seine Idee, mit großen Fotos an die Hofzellen zu erinnern. Außerdem soll der Bereich künftig für Gedenkveranstaltungen genutzt werden.

Laut Voit werde die Gedenkstätte Ende November, Anfang Dezember mit der Ausstellung "Sportverräter" zu aus der DDR geflohenen Spitzensportlern wie der Leichtathletin Ines Geipel oder dem Erfurter Schwimmer Frank Hoffmeister eröffnet. Die Zeitzeugengespräche sollen im Oktober weitergehen.

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