Die geheimen Doktoren der Stasi

Potsdam. Akademiker des Spitzeldienstes der DDR tarnten sich als Juristen. Brandenburger Grüne wollen Doktor-Titel der Potsdamer Stasi-Hochschule überprüfen lassen

Diese Geruchsprobe wurde von Stasi-Mitarbeitern 1986 am Erfurter Hauptbahnhof sichergestellt und in einem Einweckglas konserviert. Als Delikt wurde festgehalten: "Anschmieren von Losungen". Foto: Mirko Krüger

Diese Geruchsprobe wurde von Stasi-Mitarbeitern 1986 am Erfurter Hauptbahnhof sichergestellt und in einem Einweckglas konserviert. Als Delikt wurde festgehalten: "Anschmieren von Losungen". Foto: Mirko Krüger

Foto: zgt

Wer bei der DDR-Staatssicherheit etwas werden wollte, brauchte einen wissenschaftlichen Titel. Die wenigsten der hauptamtlichen MfS-Akademiker besuchten dafür eine reguläre Universität, Hoch- oder Fachschule. Für ihre professionellen Spitzel- und Spionageexperten unterhielt die Mielke-Truppe eigene, in der Regel geheime Einrichtungen.

Die wichtigste war zweifellos die Juristische Hochschule in Potsdam-Eiche (JHS). Über 5000 Absolventen erwarben hier ein Diplom oder einen Doktor-Titel. In der Öffentlichkeit war die Mfs-Hochschule nahezu unbekannt, auch Dissertationen und Diplomarbeiten unterlagen der strengen Geheimhaltung und waren in keiner Bibliothek zugänglich.

Was aus Sicht der SED- und Stasiverantwortlichen nur zu verständlich ist. Noch heute droht einem beim Lesen mancher Titel vor Entsetzen das Blut in den Adern zu gefrieren. Mielkes Wissenschaftler "forschten" zu Zersetzungs- und Verhörpraktiken, stellten ausführliche Überlegungen zur besseren Disziplinierung von inoffiziellen Mitarbeitern an oder sannen über die Unterwanderung oppositioneller Kirchen- und Künstlerkreise nach.

Ein Stasi-Major promovierte etwa 1971 mit einer Arbeit über das Erzwingen von Geständnissen - Titel "Zur Herbeiführung der Aussagebereitschaft von Beschuldigten durch Untersuchungsführer des MfS". Andere beschäftigten sich mit der "politisch-ideologischen Abwehrarbeit zu Korrespondenten und Journalisten des nichtsozialistischen Auslandes".

Weil die Absolventen in der Öffentlichkeit allerdings schwerlich als Diplom-Verhörer oder "Doktor der Zersetzung" auftreten konnten, tarnten sich die Hochschule als Juristische Hochschule und ihre Akademiker als "Diplom-Juristen" oder "Dr. jur". Nach der Wende sollen viele versucht haben, daraus berufliches Kapital zu schlagen. Ohnehin durften sich die Stasi-Doktoren weiter mit ihrem akademischen Grad schmücken.

"Anleitung zu Erpressung, Mord und Entführung"

Bekannt sind die Doktor-Arbeiten seit Anfang der 90er. Wissenschaftler veröffentlichten damals Verzeichnisse von gut 8000 geheimen Dissertationen der DDR, meist zu politischen oder Versorgungsthemen. Die etwa 180 Dissertationen der JHS Potsdam-Eiche spielen dabei allerdings eine besondere Rolle. Der Bochumer Professor Dieter Voigt, der die Arbeiten seinerzeit als einer der ersten mit einem Stab von Wissenschaftlern inhaltlich untersuchte, sprach von mehr oder weniger unverhohlenen "Anleitungen zu Mord, Entführungen und Erpressung".

Manches dürfte denn auch direkt ins Betriebshandbuch für Stasispione eingeflossen sein. So liest sich die Arbeit von Rudolf G. und Otto W. mit dem Titel "Die Entwicklung operativer Vorgänge zum systematischen Eindringen in die exekutive Führungszentrale des Bundeskanzlers in der BRD" geradezu wie eine praktische Blaupause zur Platzierung des DDR-Spiones Günter Guillaume im Umfeld des SPD-Kanzlers Willy Brand. Brand musste bekanntlich deswegen seinen Hut nehmen, was auch den beiden "Theoretikern" im Nachhinein zum Ruhme gereicht haben dürfte. G. wurde Chef einer Abteilung der Hauptverwaltung Aufklärung. Mitautor W. (1949 mal Leiter der FDJ-Kreisleitung in Erfurt) avancierte zum Leiter der HVA-Schule.

Nach der Wende war schnell klar: Wer seinen Doktor-Titel zu so perfiden Themen erlangte, sollte im vereinten Deutschland keine reguläre juristische Karriere machen können. Festgehalten wurde dies bereits im Einigungsvertrag.

Offenbar nutzten seinerzeit aber nicht wenige Stasi-Juristen Schlupflöcher, wonach beispielsweise noch vom Justizministerium der DDR im Mai 1990 erteilte Rechtsanwaltszulassungen nur wieder entzogen werden konnten, wenn sie gegen das Rechtsstaatsprinzip verstießen.

Zudem können Doktor-Titel nach geltendem Recht eigentlich nur von der Hochschule aberkannt werden, von der sie verliehen wurden. Die JHS wurde im März 1990 noch in der DDR aufgelöst. Ob die Universität Potsdam als Rechtsnachfolgerin der Stasi-Hochschule infrage kommt, ist umstritten.

Ungeachtet dessen ziehen die geheimen Doktor-Titel der Stasi nun erneut politische Kreise. Die Grünen im Brandenburger Landtag forderten dieser Tage eine erneute Überprüfung der Promotionen der früheren Stasi-Hochschule in Potsdam. Dabei berufen sie sich auch auf Aussagen des Leiters der Abteilung Kommunismus und Gesellschaft des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) Jens Gieseke, der den meisten JHS-Arbeiten ein nur niedriges wissenschaftliches Niveau bescheinigt.

"Dass die an der Stasi-Hochschule entstandenen Doktor-Arbeiten mit üblichen akademischen Standards nichts zu tun haben, steht außer Zweifel", sagt Gieseke. "Sie erfüllten damit auch nicht die in der DDR gültigen Maßstäbe für Promotionen." Es habe sich meist nicht um juristische Arbeiten, sondern um Ausarbeitungen zu Überwachungs- und Verfolgungstechniken der Stasi gehandelt, so der Historiker.

Auch der SED-Opferverband "Union der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft" (UOKG) plädierte für eine Aberkennung der Stasi-Doktortitel und forderte dies auch gleich mit für die sogenannten Ehrendoktoren der DDR. Da alle DDR-Hochschulen streng ideologisch ausgerichtet gewesen seien, sei es an der Zeit, auch auf den wissenschaftlichen Wert anderer in der DDR verliehener akademischer Titel zu schauen, erklärte UOKG-Chef Rainer Wagner.

Laut Historiker Gieseke käme einer erneuten Überprüfung allerdings noch symbolische Bedeutung zu. Die Träger der Doktor-Titel seien überwiegend im Rentenalter oder nicht mehr am Leben, sagt der Potsdamer Wissenschaftler. "Die Generäle und Obristen mit Doktor-Titel sind mittlerweile zu einem erheblichen Teil verstorben."

Thüringer promovierte mit Schalck-Golodkowski

Das gilt auch für viele der Stasi-Akademiker aus den ehemaligen Thüringer DDR-Bezirken. So lebt beispielsweise jener in Rastenberg bei Sömmerda geborene Stasi-Oberst Heinz V. nicht mehr, der 1970 zusammen mit dem KoKo-Chef und Stasi-Außenhändler Alexander Schalck-Golodkowski zur "Bekämpfung der imperialistischen Störtätigkeit auf dem Gebiet des Außenhandels" promovierte.

Ein aus Erfurt stammender Major Dr. Lutz-Jochen L. (Dissertationsthema: "Die Rolle und Stellung des Sozialismusbildes in der Vorgangsarbeit mit IM/OG") war nach der Wende wohl eine zeitlang in Potsdam als Unternehmensberater tätig, ist dort inzwischen aber auch nicht mehr auffindbar.

Immerhin belegen die Thüringer Absolventen, dass man mit einem JHS-Abschluss gut Karriere beim Spitzeldienst machen konnte. Oben erwähnter Heinz V. wurde Leiter des Sonderaufgabenbereiches Devisenbeschaffung/Häftlingsfreikauf.

Der Erfurter Generalmajor Josef Schwarz begann seine MfS-Karriere in Potsdam. Nach dem Fernstudium an der JHS zum "Diplomjuristen" wurde er zunächst Stellvertreter des Schweriner Stasi-Chefs, bis ihm die Promotion (Thema: "Anforderungen und Wege der weiteren Qualifizierung der Arbeit mit Führungs-IM") 1982 den Weg an die Spitze der Bezirksverwaltung Erfurt ebnete. Schwarz publizierte nach der Wende mehrere Bücher, darunter auch eins zur deutschen Justiz-Geschichte.

Rund 400 Stasi-Offiziere verließen die JHS als Doktor. Von MfS-Chef Erich Mielke ist überliefert, dass ihm die "Flut" der Stasi-Doktoren zu viel geworden sei. Auf einer Dienstbesprechung soll er sogar bemäkelt haben, dass man sich bei der Spitzeltruppe inzwischen vorkomme "wie im Krankenhaus". Offiziell führen durften Stasileute den Titel im Dienst nicht.

Fragen des Tages

Wann und wie entstand die Hochschule der Staatssicherheit?

Eine erste Stasi-Fachschule wurde ein Jahr nach der Gründung des MfS 1951 in Potsdam von Walter Ulbricht und Erich Mielke eröffnet. 1955 wurde daraus eine Hochschule, die sich 1965 mit dem Zusatz "Juristische Hochschule" (JHS) schmückte. "Geforscht" wurde zu den Themengebieten Spionage, Verfolgung und Zersetzung.

Wer durfte an der Hochschule der Staatssicherheit studieren?

Die Existenz der Schule war offiziell geheim. Man konnte sich also nicht bewerben, sondern wurde delegiert. Im Hochschulverzeichnis von 1984 mit 71 Universitäten und Hochschulen wird die JHS nicht genannt.

Wie viele Absolventen erreichten einen akademischen Grad an der JHS?

Bekannt sind etwa 5000 Diplomierte und rund 400 Doktoranden, letztere verfassten rund 180 Dissertationen. Dass etwa 40 Prozent der Leitungskader einen Potsdamer Abschluss erwarben, werten Experten als Beleg für deren Breitenwirkung.

Welche Rolle spielten Abschlüsse an der JHS nach der Wende?

Im Einigungsvertrag heißt es wörtlich in einer Anlage zum Kapitel Rechtspflege: "Ein an der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche oder einer vergleichbaren Einrichtung erworbener Abschluss berechtigt nicht zur Aufnahme eines gesetzlich geregelten juristischen Berufs." Seit der Wende gab es mehrfach Anläufe, die Stasi- Doktor-Titel zu überprüfen.

Welchen wissenschaftlichen Wert hatten die Dissertationen an der JHS?

Nach Ansicht von Experten genügten nur wenige Arbeiten wissenschaftlichen Ansprüchen. Zwar erwarben die Absolventen Abschlüsse als Diplomjurist, Dr. jur. oder Dr. jur. sc., diese Titel waren aber nicht durch die Studieninhalte gedeckt.

Wie viele der "furchtbaren" Juristen aus Potsdam sind noch tätig?

Real spielten die Stasi-"Juristen" in der Nachwende-Bundesrepublik kaum eine Rolle. Im Jahr 2000 sollen noch etwa ein dutzend JHS-Absolventen als Rechtsanwalt tätig gewesen sein. Inzwischen sind die meisten dafür entweder zu alt oder bereits verstorben.

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