Die Personalie Lachmann – oder wie Björn Höcke nach Berlin strebt

Erfurt  Der Thüringer AfD-Landeschef hat sich als Rechtsaußen etabliert. Jetzt justiert er sich für die Hauptstadt neu.

Noch in Erfurt: Björn Höcke in der vergangenen Woche im Landtag. Foto: Martin Schutt/dpa

Noch in Erfurt: Björn Höcke in der vergangenen Woche im Landtag. Foto: Martin Schutt/dpa

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Auf dem Flur der AfD-Landtagsfraktion steht die Tür der Pressesprecherin halb offen. Doch die Pressesprecherin ist nicht da. Sie sei krank, heißt es.

Statt ihrer trifft man im Büro einen schlanken Mann, Mitte 50. Anzug und Intellektuellen-Brille sitzen perfekt. Er diktiert einer Assistentin eine E-Mail.

Der Mann heißt Günther Lachmann, er war zuletzt Chefreporter der Berliner "Welt" . Er hat auch Bücher geschrieben, über Angela Merkel oder den Islam. Eines davon thematisierte schon im Titel die "Tödliche Toleranz" gegenüber Muslimen.

Seit Anfang des Monats arbeitet Lachmann im Bereich "strategische Kommunikation" der AfD-Fraktion. So jedenfalls hatte es ihr Vorsitzender Björn Höcke auf seiner Facebook-Seite verkündet.

Nebenbei teilte er noch mit, wie er sich diese strategische Kommunikation so vorstellt. "Es ist in letzter Zeit vorgekommen, dass ich Gespräche abgebrochen habe, wenn eine Verhörsituation aufgebaut wurde", schrieb er. "Mit einigen Altmedienvertretern habe ich die Zusammenarbeit eingestellt."

Die Wortschöpfung "Altmedien" ist offenkundig als Ergänzung zum Begriff "Altparteien" gedacht, mit dem alle politischen Gruppierungen jenseits der AfD gemeint sind. Die neue, mediale Definition lässt sich ähnlich umfassend verstehen.

Entsprechend schwierig gestaltet es sich, mit Lachmann ins Gespräch zu kommen. Eine offizielle Anfrage an ihn über die Pressestelle wird abschlägig beschieden. Aus Sicht der Fraktion sei "alles gesagt", heißt es.

Lachmann selbst gibt sich im Büro zurückhaltend. Ob man kurz miteinander reden könne? Ja, sagt Lachmann nach einigem Zögern. Er müsse nur gerade "ein Problem" lösen. Und danach, in einer Stunde vielleicht? Nein, eher nicht. Wann dann? "Ich komme auf Sie zu."

Auch Björn Höcke möchte nicht über seinen Berater reden. Lachmann sei ja kein Politiker, sagt er. Insofern bestehe auch kein öffentliches Interesse.

Kandidatur für den Bundestag

Dies darf man anders sehen. Die Personalie ist aus mindestens zwei Gründen, die miteinander zusammenhängen, hoch interessant. Erstens zeigt sie, wie Höcke seine Kandidatur für den Bundestag, die er bisher offen lässt, systematisch vorbereitet. Lachmanns Kompetenzen liegen in Berlin, der langjährige Hauptstadtjournalist ist dort bestens vernetzt. Darüber hinaus kennt er alle Innereien der AfD, da er über die Partei intensiv berichtet hatte.

Zweitens bedeutet die Verpflichtung des Beraters einen kühl kalkulierten Affront gegenüber AfD-Bundeschefin Frauke Petry und dem nordrhein-westfälischen Landeschef Marcus Pretzell. Die beiden, die privat ein Paar sind, hatten sich mit Lachmann im Februar eine öffentliches Scharmützel geliefert.

Pretzell behauptete, dass Lachmann der Partei Beraterdienste für monatlich 4000 Euro angeboten habe – parallel zur Tätigkeit bei der "Welt". Nachdem man nicht darauf eingegangen sei, habe der Journalist negativ über Petry berichtet. Lachmann bestritt die Vorwürfe, die Zeitung entließ ihn trotzdem.

Aus alldem folgt: Lachmanns Verpflichtung ist eine Ansage an Petry und Pretzell im Kampf um die Aufstellung für die Bundestagswahl im nächsten Jahr. Höcke will in Berlin nicht nur in die zweite Reihe. Dies passt nicht zu ihm und seinem Plan, Deutschland umzukrempeln.

Sicher ist Höckes Position bisher keineswegs. Ja, er hat sich als bundesweit bekannter Rechtsaußen der Partei etabliert und die Achse mit Bundesvize Alexander Gauland sowie Sachsen-Anhalts AfD-Chef André Poggenburg aufgebaut. Auch ansonsten wurde von der "Erfurter Resolution" über die Demonstrationen bis hin zu den Kyffhäuser-Treffen eine beeindruckende Machtbasis geschaffen.

Dennoch wird es jetzt, da er nach Berlin strebt, für ihn ein Problem, dass er sogar in der AfD als Radikaler wahrgenommen wird. Sprüche über den "afrikanischen Ausbreitungstyp" und seine völkische Rhetorik haben ihn bei den Moderaten in der Partei verdächtig gemacht.

Das Vernunftbündnis, das Höcke zuletzt mit dem gemäßigten Bundeschef Jörg Meuthen einging, dürfte ein Resultat dieser Einsicht sein – genauso wie die Anstellung Lachmanns, der ein konservativer Publizist, aber kein Scharfmacher ist.

Vielleicht wird der neue Berater auch offiziell noch mehr Aufgaben übernehmen. Die bisherige Sprecherin, heißt es, könnte nach Sachsen-Anhalt wechseln.

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