Griechen in Thüringen hoffen auf "Ende der Vetternwirtschaft"

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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (l, CDU) und der neue griechische Finanzminister Yanis Varoufakis reichten sich am Donnerstag in Berlin nach einer Pressekonferenz die Hände. Foto: Michael Kappeler/dpa

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (l, CDU) und der neue griechische Finanzminister Yanis Varoufakis reichten sich am Donnerstag in Berlin nach einer Pressekonferenz die Hände. Foto: Michael Kappeler/dpa

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Erfurt. Die in Thüringen lebenden Griechen reagieren überwiegend positiv auf den Regierungswechsel in ihrer Heimat. Wie eine Umfrage unserer Zeitung ergab, verbinden sie das mit dem Wunsch nach Reformen.

"Die Griechen zu Hause denken, dass in Deutschland alles glänzt," sagt Ziogos Stilianos. "Aber hier muss man auch für sein Geld arbeiten." Der Gastwirt aus Heiligenstadt empfiehlt dem neuen griechischen Regierungschef indes: "Alexis Tsipras muss diplomatischer vorgehen". Der Regierungschef müsse noch lernen, nicht mit dem Kopf durch die Wand zu wollen.

"Der neuen Regierung sollte man eine Chance geben", sagt Konstantinos Ganitis in Ilmenau. "Alexis Tsipras bringt frische Ideen mit." Selbst wenn die Regierung nur einen Teil ihrer Versprechungen einlöse, könnte das ein Erfolg für Griechenland sein. "Ich hoffe, dass sie einen Weg aus der Krise finden."

Andere wie Arsenis Ovakimidis haben den Glauben in die Regierung längst verloren. "Wir haben schon viel erlebt", sagt der in Gotha lebende Grieche. Er selbst ist nach Thüringen gekommen, "weil hier Gesetz noch Gesetz ist". Dennoch will er wieder zurück. Seine Kinder sollen selbst entscheiden, wo sie leben wollen.

"Deutschland ist derzeit noch lebenswert", sagt auch Gany Livorekas, der Kellner in Erfurt ist. "Aber wenn wir nicht aufpassen, werden wir in wenigen Jahren vor den gleichen Problemen stehen, wie sie Griechenland heute hat", mutmaßt der 50-Jährige.

"Wirtschaftlich nicht", sagt Volkswirt Andreas Freytag, "gesellschaftspolitisch schon eher." Griechenland sei nur ein kleines Problem, sagt Freytag, der an der Uni in Jena einen Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik inne hat. Durch die Null-Zins-Politik der Zentralbank werde es auch in Deutschland unruhig - "spätestens, wenn die ersten Lebensversicherungen ausgezahlt werden und nicht das herauskommt, was viele erwartet haben."

"Durch den Euro wurde Urlaub in meiner Heimat zu teuer." Doch es allein auf die neue Währung zu schieben, mag Livorekas die Probleme auch nicht. "Wenn in der Vergangenheit die Reichen nicht bevorteilt worden wären, hätten die hohen Steuern jetzt nicht sein müssen." Deswegen kann es der Erfurter auch gut verstehen, dass seine Landsleute "für einen Regierungswechsel gestimmt haben". Vielleicht sei das ja jetzt das Ende der Vetternwirtschaft.

Doch die Reichen und Bürokraten hätten doch schon immer in die eigene Tasche gewirtschaftet, weiß Dimitrios Vassios, der seit 1985 in Deutschland lebt. "Jetzt ist es zu spät. Den armen Menschen würde ich mehr Wohlstand wünschen", sagt der Sömmerdaer.

Mit einem Schuldenschnitt allein kann das nicht funktionieren, findet Wissenschaftler Freytag. "Ein Austritt aus der Euro-Zone würde auf alle Fälle die innenpolitischen Probleme der Griechen leichter lösen helfen, weil sich die nötigen Kostensenkungen so indirekter durchführen lassen."

Sollte Tsipras, dessen Auftritte Freytag "abgezockt und berechnend" nennt, nicht an den begonnenen Reformen festhalten, werde die Wirtschaft nicht wieder auf die Beine kommen.

Finanzminister-Treffen in Berlin: Schäuble bleibt hart

Griechenland soll weiter mit der Troika von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds zusammenarbeiten und seine Schulden zurückzahlen beim Treffen mit seinem griechischen Amtskollegen Gianis Varoufakis blieb Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hart.

Varoufakis und sein Regierungschef Alexis Tsipras touren derzeit durch Europa, um für eine Erleichterung der Sparauflagen und eine Verringerung der Schuldenlast zu werben. Auch in Brüssel und bei der Europäischen Zentralbank stoßen sie dabei auf wenig Entgegenkommen.