Helden ohne Status: Ansehen der Bundeswehrsoldaten sinkt

Militäruniformen haben mit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland nicht ohne Grund ihren Glanz verloren. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler sprach vom "freundlichen Desinteresse" an der Bundeswehr. Immer öfter kommt es auch zu unfreundlichem Interesse von verbalen Anfeindungen bis zum angezündeten Auto.

Trotz hoher Belastungen während eines Auslandseinsatz müssen Soldaten und Angehörige mit Drohungen und Beschimpfungen rechnen. Foto: Marco Schmidt

Trotz hoher Belastungen während eines Auslandseinsatz müssen Soldaten und Angehörige mit Drohungen und Beschimpfungen rechnen. Foto: Marco Schmidt

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Erfurt/Berlin. "Wenn ich mit all meinem Gepäck und Uniform am Flughafen warte, oder durch den Bahnhof laufe, dann sprechen mich oft wildfremde Menschen an. Sie drücken meine Hand, sagen Danke für den Dienst, den ich leiste, bieten mir manchmal sogar eine kalte Cola an."

Captain Gilles aus Boston ist derzeit als US-Soldat in Kabul stationiert. So umstritten der Afghanistan-Krieg in Amerika inzwischen ist, die große Mehrheit der Bevölkerung steht hinter den Soldaten. Politische Grundhaltung, die Meinung zum Militäreinsatz sind das eine. Der Blick auf das menschliche Individuum in der Uniform bleibt jenseits des Atlantik davon völlig unbenommen.

Wer in den USA diesen gesellschaftlichen Konsens sichtbar machen will, der trägt eine gelbe Schleife am Revers, präsentiert sie im Fenster zur Straße, als Aufkleber am Auto. Diese fast 90-jährige Tradition geht zurück auf den amerikanischen Brauch, sich per gelber Schleife am Baum dem in der Ferne lebenden Freund zu erinnern.

Deutschland scheint von einer Unterscheidung zwischen Politik und Soldat entfernter denn je. Bestenfalls noch herrsche ein "freundliches Desinteresse" am Bürger in Uniform. So umschrieb der vormalige Bundespräsident Horst Köhler die Beziehung zwischen Gesellschaft und Bundeswehr.

Dies habe sich inzwischen in manchen Teilen der Gesellschaft gar zu einem "höchst unfreundlichen Interesse" gewandelt, wie Hellmut Königshaus findet. Dem Wehrbeauftragen des Bundestages werden immer öfter Fälle angezeigt, in denen sich Soldaten und sogar deren Familien Anfeindungen ausgesetzt sehen.

"Ich will diese Äußerungen nicht wiederholen – aber es ist beschämend, dass sich Frauen, Mütter oder Kinder mehr als abfällige Bemerkungen über ihre Lieben anhören müssen, während sie im Ausland im Einsatz sind", so Königshaus im Gespräch mit unserer Zeitung. Vor allem am linken politischen Rand finden sich Kriegsgegner, die in ihrem Pazifismus inzwischen militante Züge angenommen haben. Selbsternannte Berliner Friedensaktivisten rufen etwa auf, die nächsten toten Soldaten in Afghanistan mit Champagner als Beitrag zur Abrüstung zu feiern.

Diese Radikalität ist freilich kein Spiegel für die ganze Gesellschaft. Extreme sind jedoch immer auch von einer entsprechen Grundstimmung getragen. Königshaus betrachtet es als demokratisches Recht, Auslandseinsätze nicht gut zu heißen, weil etwa die damit verbundenen politischen Ziele nicht geteilt werden. "Aber die Soldaten als Menschen haben einen Anspruch auf Respekt und insbesondere auch Anerkennung dafür, dass sie für die Gesellschaft im Auftrag des Parlaments ihren Dienst tun."

Dass die Realität anders aussieht, hat Daniel S. erfahren. Er ist das, was man in anderen Nationen unverholen als einen Helden bezeichnen würde. Der 31-jährige Sachsen-Anhaltiner erhielt im Januar als erster Soldat das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit.

Zusammen mit seinen Kameraden aus Bad Salzungen verhinderte der Hauptfeldwebel die wahrscheinliche Vernichtung einer Gruppe Gothaer Soldaten, die am 4. Juni 2009 nordwestlich von Kundus in einen Hinterhalt geraten war. Umzingelt und deutlich in Unterzahl mussten sie mehrere heftige Angriffe abwehren. Die anstürmenden Taliban - unter ihnen auch Selbstmordattentäter - konnten erst einen Steinwurf vor der deutschen Stellung gestoppt werden.

Daniel S. bedauert, dass im medialen Rummel nach der Auszeichnung sein voller Name und sogar Wohnort öffentlich wurde. "Ich weiß von im Einsatz verwundeten Kameraden, die samt Familien auf das Übelste beschimpft wurden." S. berichtet auch von zerkratzten und angezündeten Autos. "In Bad Salzungen durften sich im letzten Jahr Afghanistan-Rückkehrer am Bahnhof anspucken lassen", erinnert sich der Soldat. "Das ist deprimierend und beschämend."

Bei den Gründen für diese Anfeindungen sieht Daniel S. auch die Politik in der Schuld. Zu wenig seien die Menschen über die Wahrheit des Einsatzes aufgeklärt worden.

Nicht minder wichtig: Die Bürger hätten andere Probleme. Geldsorgen und Arbeitslosigkeit machten den Einsatz in der Wahrnehmung vieler zum unnützen Kostenfaktor – mithin den ausführenden Soldaten.

Der Faktor Geld ist auch im Umfeld von Sandra M. immer wieder Dreh- und Angelpunkt der Wahrnehmung ihres Berufs. "Du verdienst ja auch ordentlich", heißt es da oft. "Aber für ein paar Tausend Euro Zulage das Leben riskieren, das würde auf Gegenfrage dann doch niemand", so die 29-Jährige. Im März ist die Offizierin aus Feyzabad zurückgekehrt. Von dort nach Erfurt bleibe vieles auf der Strecke, was die Soldaten vor Ort bewegen. "Beim Notarzt oder der Feuerwehr erfahren die Menschen sehr viel direkter, welchen Nutzen sie haben."

Die physischen und psychischen Belastungen des Einsatzes sind für die Soldaten freilich recht unterschiedlich. Manche setzen täglich Gesundheit und Leben aufs Spiel, haben höchste Anstrengungen zu bewältigen. Andere beschreiben als ihre größte Herausforderung, das Feierabendbier rechtzeitig kalt zu bekommen. Gemeinsam ist aber allen, dass sie für Monate fernab ihrer Familien in einer unwirtlichen Fremde leben, mit einem Minimum an Privatsphäre und maximalen persönlichen Entbehrungen.

Könnte die Gelbe Schleife auch hierzulande ein Symbol sein, diese Leistung außerhalb jedes politischen Kontextes zu sehen? Von Oldenburg aus engagiert sich das "Gelbe Netzwerk" dafür. Die Initiative hat sich jedoch derart sicherheitspolitisch aufgeladen, dass die Chance wert- und politikfreier Solidarisierung mit dem Soldaten als Mensch vertan wurde

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