Historiker: „Höcke weiß genau, aus welchem Kontext seine Äußerungen kommen“

Der Jenaer Historiker Maik Tändler über fragwürdige geschichtliche Anspielungen in den Reden des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke.

Der Thüringer Vorsitzende der Landtagsfraktion der „Alternative für Deutschland“ (AfD), Björn Höcke, spricht in Erfurt auf einer Kundgebung. Foto: Martin Schutt

Der Thüringer Vorsitzende der Landtagsfraktion der „Alternative für Deutschland“ (AfD), Björn Höcke, spricht in Erfurt auf einer Kundgebung. Foto: Martin Schutt

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n seinen Reden benutzt Thüringens AfD-Chef und Ex-Geschichtslehrer Björn Höcke gern historische Vergleiche. Wenn er dann wie am 25. September auf dem Erfurter Anger berichterstattende Medien als „Lügenpresse“, SPD-Chef Sigmar Gabriel als „Herr Volksverräter“ und Gegendemonstranten als „Lumpenpack“ bezeichnet, fühlt man sich auch sprachlich an dunkelste Zeiten aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts erinnert. So hat die Gesellschaft für deutsche Sprache beispielsweise darauf hingewiesen, dass der „Volksverrat“ als Straftatsbestand von den Nazis eingeführt wurde.

Nach Meinung des Jenaer Historikers Maik Tändler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, baut Höcke seine verbalen Anspielungen gezielt ein, um zum einen historisch belastetes Vokabular wieder salonfähig zu machen und zum anderen öffentliche Aufmerksamkeit zu provozieren.

Seine Formulierungen wähle Höcke jeweils so, dass er sich gegebenenfalls darauf zurückziehen könne, man unterstelle ihm Nähe zu nationalsozialistischem Sprach- und Gedankengut, um ihn in die rechte Ecke zu stellen.

In Magdeburg sagte Höcke am 14. Oktober: „Ich will das Magdeburg und Deutschland nicht nur eine 1000jährige Vergangenheit haben, ich will, dass sie noch ein 1000-jährige Zukunft haben.“ Eine Anspielung auf das 1000-jährige Reich der Nazis?

Laut Maik Tändler spielt Höcke hier bewusst mit einem Vokabular, dass jeder halbwegs historisch Informierte zuordnen kann. Hitler habe einst verkündet, das von ihm geführte „Dritte Reich“ werde 1000 Jahre Bestand haben. Bei solchen gezielten Provokationen sei der AfD-Chef schlau genug, zu eindeutige Parallelen zu vermeiden.

In Magdeburg verfolgte Höcke noch eine andere Strategie. Anspielungen auf Otto den Großen und die Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg von 955 bringen die Flüchtlingen in Verbindung mit einer gewaltsamen militärischen Invasion. Höcke sagte: „...dem großen König Otto gelang es im Jahr 955, auf dem Lechfeld bei Augsburg, mit einem Heer, das aus Sachsen, aus Bayern, aus Böhmen, aus Schwaben, aus allen deutschen Stämmen bestand, die Ungarn vernichtend zu schlagen und die Gefahr vom Abendland abzuwenden. Deutschland und Europa waren gerettet. Heute sind es die Ungarn, die Europa verteidigen.“

Hinter der Parallelisierung der ungarischen Reiterhorden von damals und der Flüchtlinge von heute stecke die perfide Argumentation, dass Menschen, die vor Krieg und Terror flüchten, eine vergleichbare Bedrohung für Europa darstellten, was eine gewaltsam Abwehr und die Sehnsucht nach einer autoritären Führungsgestalt legitimiere.

Nach Meinung des Wissenschaftlers Tändler weiß der ehemalige Geschichtslehrer Höcke genau, aus welchem Kontext seine Äußerungen kommen. In der Septemberrede spielte er auf Erinnerungen an Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg an.

Über eine angebliche kurzfristige Räumung einer Schule für Flüchtlinge sagte Höcke: „Es war eine Flucht wie nach dem Krieg.“ – Für Historiker Maik Tändler eine geradezu absurder Vergleich, der aber Vorbilder hat. „Die politische Instrumentalisierung der alliierten Bombenangriffe auf Deutschland und der Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen Europa Ende des Zweiten Weltkriegs kennt man aus dem rechtsradikalen Spektrum.“

Indem man diese Ereignisse vom Kontext der nationalsozialistischen Kriegsführung und Gewaltherrschaft isoliert, könne man Deutschland zum unschuldigen Opfer stilisieren. „Nun werden die Deutschen zu Opfern der anstürmenden Flüchtlingsmassen erklärt.“

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