„Ich steh’ auf und geh’“ – Beinahe ein Eklat bei Ramelow-Interview

Erfurt  Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow fühlt sich bei der Aufzeichnung des MDR-Sommerinterviews ungerecht behandelt.

Archivfoto: Bodo Schackow/dpa

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„Das Sommerinterview mit Bodo Ramelow in voller Länge“ bewirbt MDR Thüringen auf seiner Internetseite das am vergangenen Wochenende ausgestrahlte Gespräch mit dem Regierungschef. „Herzlich willkommen zu unserem ersten Sommerinterview in diesem Jahr, ich glaube Sie haben noch eine Woche Zeit, bis Ihr Urlaub beginnt. Wo werden Sie entspannen?“, fragt die Journalistin. Ramelow bemüht sich zu lächeln und antwortet ganz ruhig: „Am Thüringer Meer.“

Wenige Minuten zuvor war die Situation weit weniger harmonisch. Als die Fragestellerin den Ministerpräsidenten auf seinen umstrittenen Tweet anspricht, in dem er dem Sohn von Justizminister Dieter Lauinger (Grüne) zum bestandenen Abitur gratuliert, gerät die Unterhaltung zusehends außer Kontrolle. Ramelow ist aufgebracht, weil für ihn klar ist, dass er den Tweet als Privatperson von seinem privaten Twitter-Kanal abgesetzt hat. Er fühlt sich ungerecht behandelt und sagt: „Ich würde sehr empfehlen, dass das nicht Teil des Sommerinterviews wird.“ Wenn man bedenkt, dass im Rundfunkrat, dem Aufsichtsgremium des öffentlich-rechtlichen Senders, auch die Landesregierung vertreten ist, ist das ein Satz, der nicht nur als Empfehlung aufgefasst werden kann.

Dass die Journalistin darauf hinweist, dass bei dem Twitter-Account kaum zwischen privat und amtlich zu trennen sei, lässt Ramelow nicht gelten. „Das ist mein privater Twitter-Account“, betont er. Weil er als Ministerpräsident eingeladen worden sei und nicht als Privatmann, will er sich dazu nicht äußern. „Ich steh’ auf und geh’. Entschuldigung, ich steh’ auf und geh’“, erregt sich Ramelow immer mehr.

Die Fragestellerin hat längst erkannt, dass die Situation nur durch einen harten Schnitt zu retten ist. „Wir lassen das Thema raus und legen noch mal frisch los“, schlägt sie vor. Daraufhin tritt die Maskenbildnerin ins Bild, tupft beide kurz ab und es geht weiter, als wäre nichts gewesen: „Herzlich willkommen zu unserem ersten Sommerinterview in diesem Jahr . . .“

Ramelow habe sich „mordsmäßig beschwert“

MDR-Mitarbeiter scheinen im Anschluss an die Aufzeichnung am Freitag vergangener Woche regelrecht geschockt. Aus ihrer Sicht ist Ramelow „total ausgeflippt“. Er habe sich „mordsmäßig beschwert“, und „rumkrakeelt“, berichten sie und sprechen von einem „Eklat“. Aber wie auch immer. Zumindest von einem Interview in „voller Länge“ kann nicht mehr die Rede sein. Dabei hat Ramelow die „Sohnemann-Affäre“, die Thema eines Landtagsuntersuchungsausschusses ist, mit seinem Tweet selbst erneut angefacht. Er hat den Sohn im Bild gezeigt, seinen Namen genannt. Im Ausschuss und in der Berichterstattung wurde darauf verzichtet.

Als Bodo Ramelow von dieser Zeitung auf die ersten nicht gesendeten Minuten angesprochen wird, bestreitet er zunächst, gesagt zu haben, gehen zu wollen. Als er erfährt, dass die Redaktion die rausgeschnittene Passage kennt, ist er außer sich und fordert Konsequenzen.

Anschließend besinnt er sich und sagt: „Das ist ein sehr befremdlicher Vorgang, wenn Journalisten nicht beteiligter Medien entgegen der gängigen Praxis, Gesprächsszenen gesehen haben sollten, die möglicherweise in der nicht ausgestrahlten Rohfassung enthalten sind.“

Er selber habe das Rohmaterial nicht gesehen, könne und wolle sich deshalb dazu nicht äußern. „Ich denke aber, der MDR wird selber ein Interesse daran haben, die Hintergründe aufzuklären“, so Ramelow.

Im Verlauf des Interviews habe es eine kontroverse Gesprächssituation gegeben; und er habe deutlich gemacht, dass er die Gratulation privat getwittert habe, gesteht der Regierungschef. Es habe zu diesem Punkt aber keine Einigung gegeben. Während des Gespräches habe er auf seine persönliche Betroffenheit hingewiesen, die in „vielen sehr persönlichen und niederträchtigen Attacken“ in den vergangenen Monaten begründet sei.

CDU stellt Anfrage zu Ramelows Twitter-Verhalten

Besonders getroffen hat ihn, wie „der politische Gegner aus der rechten Ecke mittlerweile meine Frau in schändlicher Weise diffamiert“ habe. Selbst seine Söhne seien von Rechtsradikalen mit Twitter-Einträgen wie „Wir wissen, wo Du wohnst“ attackiert worden. „Da bin ich sehr sensibel, wenn meine Familie angegriffen wird, nur weil ich meine Meinung privat auf den Social-Media-Kanälen zum Ausdruck bringe“, erläutert er.

Der MDR teilt auf Anfrage dieser Zeitung mit: „Es ist nicht zutreffend, dass das Interview auf Wunsch des Ministerpräsidenten gekürzt wurde. Darauf haben Politiker bei uns keinen Einfluss. Es ist und bleibt unser journalistisches Verständnis, dass allein die zuständige Redaktion entscheidet, was, wie, wann und wo welches Material veröffentlicht wird.“ Das treffe natürlich auch in diesem Falle zu.

Im Übrigen habe es auch bei früheren Sommerinterviews keine Kürzungen auf Wunsch von Politikern oder sonstigen Gesprächspartnern gegeben. Abläufe im Umfeld eines Interviews, Vorgespräche, Rechercheverläufe sowie den Weg zu journalistischen Entscheidungen werde man „aus redaktionellen Gründen aber nicht kommentieren“.

Die CDU-Landtagsfraktion hat inzwischen eine parlamentarische Anfrage über „privates und amtliches Twittern des Thüringer Ministerpräsidenten“ auf den Weg gebracht. „Wird der Twitter-Account @bodoramelow von Bediensteten des Freistaats Thüringen mit betreut?“ oder „Verfassen Bedienstete des Freistaats Thüringen Beiträge für den Twitter-Account @bodoramelow?“, will der Parlamentarische Geschäftsführer Jörg Geibert unter anderem wissen.

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