Thüringer AfD-Chef: "Die AfD ist im Aufbruch, gewisse Turbulenzen sind normal"

Der Thüringer Chef der "Alternative für Deutschland", Björn Höcke (41), vor dem Bundesparteitag in Erfurt.

Björn Höcke während einer Wahlparty im vergangenen September, nachdem das AfD-Wahlergebnis für Thüringen bekannt gegeben wurde. Archivfoto: Sascha Fromm

Björn Höcke während einer Wahlparty im vergangenen September, nachdem das AfD-Wahlergebnis für Thüringen bekannt gegeben wurde. Archivfoto: Sascha Fromm

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Herr Höcke, den wievielten Landesvorstand hat die Thüringer AfD jetzt genau nach einem Jahr ihrer Existenz verschlissen?

Wir hatten nach der Parteigründung im April eine Neuwahl im August letzten Jahres. Ich weiß, Kontinuität sieht etwas anders aus. Doch im Innern ist es ruhiger, als Sie meinen. Wir befinden uns im Aufbau, gewisse Turbulenzen sind normal.

Ist es normal, dass Parteichefin Michael Merz zuletzt ging? Ist es normal, dass vier Kreisverbände den Rücktritt Ihres Co-Parteichefs verlangen?

Ich bedaure die in die Öffentlichkeit getragene Debatte. Matthias Wohlfahrt ist ein Mann mit Ecken und Kanten . . .

. . . und ein christlicher Missionar, der nicht wenige Ihrer gut 300 Mitglieder in Rage bringt.

Er ist ein überzeugter Christ, ich respektiere das - genauso wie er respektiert, dass ich keiner bin.

Der Landesvorstand hat den Altenburger Kreisvorstand suspendiert.

Der Fall liegt beim Schiedsgericht. Der Kreisvorsitzende Sieghard Rydzewski ...

... der bis 2012 Landrat war und mal der SPD angehörte ...

... hat öffentlich angekündigt, dass sein Kreisverband die Parteiarbeit vorerst einstellt und den Wahlkampf nicht unterstützen will. Das kann ein Landesvorstand, bei allem Verständnis für Emotionen, schlecht hinnehmen.

Es herrscht ein scharfer Ton in Ihrer Partei. Ab heute findet der Bundesparteitag in Erfurt statt. Dort soll eine Satzung verabschiedet werden, die manche als Ermächtigungsgesetz für Bundeschef Lucke bezeichnen. Wie sehen Sie das?

Man sollte den gefühlsgeladenen Begriff Ermächtigungsgesetz nicht inflationär gebrauchen. Ich gehe davon aus, dass es in Erfurt einen Ausgleich zwischen den Interessen des Bundesvorstands und denen der Landesverbände geben wird - damit wir uns auf die Inhalte konzentrieren können.

Doch was sind diese Inhalte? Was wollen Sie eigentlich landespolitisch? Viel hört man von der AfD nicht. Oder präziser: Man hört gar nichts.

Die AfD ist ja erst ein Jahr alt und natürlich verbunden mit den großen Themen wie Europa. Anlass war ja die fehlgeleitete Einführung des ESM, des Euro-Rettungsschirms ...

... der gerade in Karlsruhe für grundgesetzkonform erklärt wurde ...

. . . was nichts daran ändert, dass er in eine Transferunion führt, die Deutschland schadet. Wir wollen unsere Kritik an dem aktuellen Zustand der EU auf Thüringen übersetzen: Denn auch hier hemmt der Brüsseler Bürokratismus, der zum reinen Selbstzweck verkommen ist, immer mehr das Entfalten der Menschen und Unternehmen.

Beispiele? Kommen Sie mir bitte nicht mit der angeblichen Richtlinie zum Krümmungswinkel der Banane.

Nein, es ist viel ernster: Europa greift tief in alle Bereiche unseres Lebens ein. Nichts kann mehr gebaut, gegründet und gefördert werden, ohne dass sich Brüssel hinein hängt. Es geht darum, dass sich die Europäische Kommission auf ihre Kernaufgaben besinnt und dass die Euro-Zone beschränkt wird.

Der Süden muss Ihrer Meinung nach also austreten?

Wir sollten Ländern wie Griechenland oder Portugal das Angebot unterbreiten, mittels einer eigenen, abwertungsfähigen Währung wieder aus eigener Kraft zu gesunden. Dann ergeben zeitlich begrenzte Hilfspakete auch einen Sinn. Die freien Kräfte des Marktes müssen sich wieder entfalten dürfen.

Sind Sie also doch die neue FDP, nur antieuropäisch?

Wir sind weder das eine noch das andere. Wir vertreten liberale Werte wie das marktwirtschaftliche Prinzip. Aber wir sind auch konservativ, etwa beim Thema Familie.

Eine Familie, wie definieren Sie die? Vater, Mutter, Kind?

Ja. Die Familie, die Keimzelle des Staates, sie ist enorm wichtig bei der Bildung, der Sozialisierung . . .

Wie ist es mit Mutter, Mutter, Kind, oder Vater, Vater, Kind? Wie ist es mit gleichgeschlechtlichen Eltern?

Das Kindeswohl ist durch die Polarität der Geschlechter Mann-Frau am besten gewährleistet.

Und was ist mit den vielen Vater-Mutter-Kindern, die vernachlässigt oder gar misshandelt werden? Warum wird ausgerechnet Homosexualität problematisiert?

Wir problematisieren nichts. Wir finden nur nicht gut, dass Homosexualität so etwas wie die neue Norm sein soll. Zehntausende Menschen haben zu Recht in Baden-Württemberg eine Petition gegen den dortigen Bildungsplan unterschrieben, weil der Staat in die Schulen die Botschaft tragen will, dass jede Art sexueller Orientierung ganz normal ist.

Im Umkehrschluss: Homosexualität ist für Sie abnorm?

Wir wollen niemanden diskriminieren. Doch der Staat sollte die klassische Familie propagieren. Das ist angesichts der demografischen Entwicklung auch eine zentrale Frage für die Zukunft unseres Landes.

Liegt die niedrige Geburtenrate nicht vor allem an der Entscheidung vieler heterosexueller Singles und Paare, wenige oder gar keine Kinder zu bekommen?

Ja, das ist auch ein Problem, weshalb Familienförderung ein großes Thema für uns ist.

Was halten Sie vom Betreuungsgeld, das es ja in Thüringen vom Land und vom Bund gibt?

Selbstbestimmt lebende Familien profitieren sicherlich davon. Familien mit Kindern müssen aber vor allem bei der Rente und den Steuern stärker entlastet werden. Aber es geht nicht nur um finanzielle Unterstützung. Wir brauchen eine Wiederbelebung gemeinschaftsorientierter Werte. In der Sorge für ein Kind, für das personifizierte "Nach mir" lebt man auch die Überwindung des eigenen Egoismus.

Wenn wir schon in Thüringen sind, noch ein Versuch: Was sagt die AfD zu einem klassischen Landesthema wie der Bildung?

Wir sind gerade dabei, das Landtagsprogramm zu diskutieren. Ich persönlich bin gegen Experimente in der Bildungspolitik, das gegliederte Schulsystem hat sich bewährt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin Lehrer, wenn auch in Hessen, da ich im Eichsfeld direkt an der westlichen Grenze wohne.

Sie brauchen von dort zwei Stunden mit dem Auto nach Erfurt. Wenn Sie im Landtag säßen: Wie verträgt sich das mit Ihrem Familienbild? Sie haben vier Kinder . . .

Das würde sehr schwierig. Aber ich habe mit meiner Familie gesprochen und sie versteht, dass das jetzt wichtig ist.