Weimar im Ausnahmezustand: Was bis zum Mittag geschah

Weimar  Hunderte Politiker und andere Gäste feiern heute 100 Jahre Weimarer Verfassung. In der Stadt gilt Sicherheitsstufe 1. Eine erste Bilanz der Ereignisse bis zum Mittag.

Hunderte Schaulustige und Medienvertreter sorgen für volle Straßen in Weimars Innenstadt.

Hunderte Schaulustige und Medienvertreter sorgen für volle Straßen in Weimars Innenstadt.

Foto: Susanne Seide

Das erste, was an diesem kalten, aber sonnigen Morgen auffällt, ist die Polizei. Denn sie ist überall. Ihre blauen Mannschaftswagen wurden strategisch in ganz Weimar verteilt. Sie stehen am Bahnhof. Sie stehen an den Einfallstraßen. Sie stehen auf allen wichtigen Plätzen.

Es gilt Sicherheitsstufe 1, die gesamte Innenstadt ist für den privaten Verkehr gesperrt. Die Spitzen aller Verfassungsorgane der Bundesrepublik sind angereist, per Flugzeug, Hubschrauber, Limousinen. Selbst für eine Stadt, die so einiges an Aufwand gewöhnt ist, wirkt das ungewöhnlich.

Liveblog: Weimar im Ausnahmezustand

Weimar Geburtsstadt der ersten deutschen Republik

Weimar war und ist bekanntlich ziemlich viel, Klassikerstadt, Europäische Kulturhauptstadt, Bauhaus-Stadt und die Stadt, in der zuerst die Nazis regieren und an dessen Rande sich ein Konzentrationslager befand. Doch sie ist auch, seit genau 100 Jahren, die Gründungsstadt der ersten deutschen Republik.

Weil Anfang des Jahres 1919 in Berlin die Revolution noch nachbebte, verlegte man die Konstituierung der frisch gewählten Nationalversammlung in die ruhige, sichere, thüringische Provinz, nach Weimar. Am 6. Februar 1919 tagten dort die 423 Abgeordneten – darunter waren erstmals 37 Frauen – im Landestheater.

Politische Prominenz in Weimar

Ein Jahrhundert später, am 6. Februar 2019, versammelt sich nun dort wieder, was in Deutschland etwas politisch zu sagen hat. Die Liste, gemäß Protokoll, beginnt so: Bundespräsident Frank Walter Steinmeier (SPD), Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsident Daniel Günther (alle CDU), Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle... Das Protokoll eines historische Tages.

9.45 Uhr, Theaterplatz: Die Innenstadt ist endgültig für den Verkehr dicht. Am Theaterplatz geht dann gar nichts mehr, auch nicht zu Fuß. Bewaffnete Polizisten stehen hinter Absperrgittern und lassen nur Anwohner durch. Auch im Einkaufszentrum ist hinter dem Bäckerstand Schluss, rot-weißes Band versperrt den Ausgang zum Platz. „Das geht doch alles gar nicht“, schimpft eine ältere Frau. „So ein Quatsch.“

9.54 Uhr, Herderplatz: Dasselbe Bild vor der Stadtkirche St. Peter und Paul, in der am Mittag der Festgottesdienst stattfinden soll. Nur geladene Gäste, Anwohner und Pressevertreter dürfen durch. Die Polizeibeamten bemühen sich freundliche, die Absperrung zu erklären. Nicht immer finden sie Verständnis.

Glückwunsch, Demokratie! Die Weimarer Republik wird 100

Hohe Gäste im „Russischen Hof“

10.03 Uhr, „Russischer Hof“: Das Hotel ist so etwas wie die logistische Zentrale der Feierlichkeiten. Hier sind einige der hohen Gäste vorläufig untergebracht und hier befindet sich das Pressezentrum.

10.07 Uhr: Kulturzentrum „Mon Ami“: Gleich gegenüber vom Hotel hat das Bürgerfest begonnen. Hier finden den ganzen Tag über Workshops, Konzerte und Podiumsdiskussionen statt.

10.24 Uhr, „Russischer Hof“: Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) steht im Hotel, vor einer Wand mit den Konterfeis von Maria Pawlowna, Zar Alexander, Bach, Herder, Goethe. Wenn man in die Zeitungen vor 100 Jahren reinschaue, sagt er hätten sich auch Menschen in Weimar beschwert. Deswegen habe man dieses Mal den Autoverkehr gleich draußen gelassen. „Das ist anstrengend. Und ich kann nur um Entschuldigung bitten“, sagt Ramelow.

Zitronen für Bodo Ramelow

Der Ministerpräsident hat ein Kratzen im Hals und Probleme mit den Stimmbändern. „Hast Du mal gefragt, ob es irgendwo für mich eine heiße Zitrone gibt“, fragt der Ministerpräsident einen Mitarbeiter. „Ist schon in Arbeit“, antwortet der. Es sei wichtig und richtig einen solchen Geburtstag am Originalort zu feiern, sagt Ramelow. Er hatte sich immer dafür einsetzt, dass die zentrale Veranstaltung in Weimar stattfindet. Deshalb wird auch alles an diesem Tag vom Land bezahlt. Die Kosten können Vertreter der Staatskanzlei noch nicht nennen, aber sie wollen sich um eine Schätzung kümmern.

10.58 Uhr: Mit einem lauten „Hallo, guten Morgen“, betritt der Bundespräsident mit seiner Gattin Elke Büdenbender im Hotel den Saal „Feininger“. Das pausenlose Klicken der Kameras übertönt zunächst die weiteren Sätze. Die Delegation des Staatsoberhaupts trifft sich hier mit Vertretern des Vereins „Weimarer Republik“ und Oberbürgermeister Peter Kleine (parteilos). Steinmeier und Büdenbender beugen sich über einen Glaskasten mit dem Modell des Hauses der Weimarer Republik. Vis à vis des Deutschen Nationaltheaters, am Ort des einstigen Bauhaus-Museums, entsteht ein Gebäude, dessen Konzept auf drei Säulen ruht: Museum, Forschung und politische Bildung.

Steinmeier: Weimar steht für Wendepunkt deutscher Geschichte

11.31 Uhr: Steinmeier steht unter einem schweren Lüster im Foyer, um ihn herum Kameras und ein Meer von Mikrofonen. Weimar sei vermutlich für die meisten Deutschen mit Kultur und den Traditionen des Bauhauses verbunden, sagt er. „Weniger bekannt ist, dass dieses Weimar auch für den Wendepunkt in der deutschen Geschichte steht“, erinnert er an das Parlament, das im Deutschen Nationaltheater zusammenkam und das erste gewesen sei, das in freien und gleichen Wahlen gewählt worden sei und in dem erstmals eine Frau ans Rednerpult gestanden habe. Die hier entworfene Weimarer Verfassung sei ein Vorbild für das Grundgesetz gewesen. „Hier ist ein Meilenstein für die deutsche Demokratiegeschichte gesetzt worden“, sagt Steinmeier. Er freut sich neben dem Festakt auch auf die diversen Projekte, die ihm am heutigen Tag noch gezeigt werden.

12.30 Uhr, Kirche St. Peter und Paul: Der ökumenische Gottesdienst beginnt fernsehfreundlich genau nach Plan. Die Orgel spielt und die Kinder der Singschule Weimar singen: „Kommt herbei, singt dem Herrn...“ Die vier Präsidenten und die Kanzlerin gehen den Mittelgang nach vorne. Die Herderkirche, wie sie in Weimar nur genannt wird, ist voll besetzt. Es wird gebetet, gesungen, rezitiert.

Predigten von evangelischer Bischöfin und katholischem Bischof

13.01 Uhr: Die Predigt halten Ilse Junkermann, die Bischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands und Ulrich Neymeyr, der Bischof der katholischen Erfurter Bistums. „Vor 100 Jahren haben hier in Weimar mutige Frauen und Männer die Verfassung einer freiheitlichen Demokratie entworfen, auf deren Grundlage Schalom hätte gedeihen können“, sagt die Bischöfin. „Aber die Gegner der Demokratie waren stärker. Sie versprachen einfache und radikale Lösungen. Wie unfassbar grausam und unmenschlich waren die Folgen, als die Nazis die Demokratie aushebelten und ihre Rassen- und Eroberungsideologie zum Staatsziel machten; Schalom für alle verunglimpft und verfemt. Wir denken an die vielen Gequälten, Gefolterten, Ausgebeuteten, Ermordeten.“

Und Ulrich Neymeyr: „Wir schauen mit Sorge auf unsere heutige Gesellschaft und ihre Zukunft: gruppenbezogene Menschenverachtung findet Gehör, Antisemitismus in Worten und Taten nimmt zu, im Herzen der Demokratie in den Parlamenten wird der Ton aggressiv und polemisch. Der Auftrag zu Schalom stärkt uns Christen in unserem Einsatz für ein freies, gleichberechtigtes, demokratisches Miteinander.“

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