Apoldaer Bibliothek hält Bibel der Briefmarkensammler bereit

Apolda  Dank des Schwaneberger-Verlages kann sich der Bestand an Michel-Katalogen mit ganz großen Fachbibliotheken messen

Annegret Freier mit den Michel-Katalogen in der Bibliothek Apolda.

Annegret Freier mit den Michel-Katalogen in der Bibliothek Apolda.

Foto: Klaus Jäger

Wenn Annegret Freier in der Stadt-, Kreis- und Fahrbibliothek in ihrem Fernleihe-Buch blättert, dann ist das wie eine kleine Rundreise durch Deutschland. Doch die Leser aus Hildesheim und Hannover, aus Bad Harzburg oder Bremerhaven, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, sind nicht auf den jüngsten Bestseller aus dem Spannungs- oder Romanzen-Regal aus. Sie suchen oft Spezialliteratur. Denn Apolda dürfte die einzige allgemeine öffentliche Bibliothek in Deutschland sein, die über ein solch umfangreiches Angebot an Michel-Katalogen verfügt.

Der Michel-Katalog, für viele Briefmarkensammler eine Art Heilige Schrift, wurde vor 109 Jahren in Apolda „erfunden“. Hugo Michel, 1872 in Knau im heutigen Saale-Orla-Kreis geboren, kam mit sechs Jahren nach Apolda. Drei Jahre später begann der Sohn eines Apoldaer Bierschröters damit, Briefmarken zu sammeln. Mit 28 Jahren bereiste er viele europäische Staaten, um sich Anregungen und Marken für ein von ihm gegründetes Briefmarkengeschäft zu holen. 1909 hatte der exzellente Kenner der gezackten Schönheiten seinen ersten Europa-Katalog fertig, im Jahr darauf wurde er veröffentlicht. Zehn Jahre später verkaufte er die Rechte an dem Katalog an den Schwaneberger-Verlag, der den, besser gesagt, die Kataloge noch heute herausgibt.

Apolda erinnert vielfältig an Hugo Michel

Nicht nur gewichtige Werke sind das – sie sind auch eine recht kostspielige Angelegenheit. Rund 90 Euro kostet so ein Exemplar. Die reinen Briefmarkenkataloge werden längst ergänzt durch Spezialkataloge, durch Stempel-Handbücher, Privatpostkarten- und Telefonkarten-Kataloge.

In Apolda wurde der bekannte Sohn der Stadt auf vielfältige Weise gewürdigt. So trägt eine Straße im Süden der Stadt den Namen Hugo Michel. Als man sich jedoch vor zehn Jahren, kurz vor dem 100. Geburtstag des Michel-Kataloges, wieder dieses herausragenden Apoldaers erinnerte, löste das eine ganze Welle von Ehrungen aus.

Bürgermeister Rüdiger Eisenbrand erinnert sich noch gut: Wegen einer Schenkung von Bildern an Apolda besuchte er die Museumsdirektorin Rena Erfurth und seiner Amtsleiterin für Wirtschaftsförderung, Kerstin Freiberg, in München. Dabei stand auch ein Besuch des Schwaneberger-Verlages auf dem Programm. Wenig später kam auch Hans W. Hohenester, der Verlagsgeschäftsführer zu einem Besuch in die Glockenstadt und schenkte der Stadt drei Michel-Kataloge im Vorfeld des Jubiläums. Sie bildeten den Grundstock für die Michel-Sammlung der Apoldaer Bibliothek. Sie wird seither regelmäßig vom Schwaneberger-Verlag mit allen neu erscheinenden Katalogen druckfrisch versorgt. Und zwar für einen Schnäppchen-Preis, über dessen Höhe ein Geheimnis gemacht wird – man will anderenorts keine Begehrlichkeiten wecken.

Zum 100. Geburtstag des Kataloges würdigte eine große Sonderausstellung im Glocken-Stadt-Museum das Jubiläum. Das Wohnhaus von Michel in der Dornburger Straße erhielt eine Gedenktafel. Und wer sich am Apoldaer Schrönplatz ausruht, im Rücken die die Pflanzungen des Vereins „Apolda blüht auf“, der sitzt auf der Hugo-Michel-Bank, die zum Jubiläum ebenfalls vom Schwaneberger-Verlag gestiftet wurde, woran noch heute eine kleine Plakette erinnert.

Das sichtbarste Zeichen des Wirkens von Hugo Michel jedoch befindet sich im kleinen Lesesaal im Erdgeschoss.

Dort, quasi immer unter dem wachsamen Auge der Bibliothekarinnen, befinden sich die Michel-Kataloge. Nachgemessen sind es 6,35 Regal-Meter. Eine Zahl, die erst dann deutlich wird, wenn man die Bände zählt – es sind nämlich zusammengenommen rund 200 Kataloge.

Bleistift-Kritzeleien stundenlang radiert

Die Apoldaer Briefmarkenfreunde nutzen das Angebot eher spärlich, weiß Annegret Freier. Und mindestens einer verwechselte die Leihexemplare auch mit persönlichem Besitz: In mehr als fünf Bänden fanden sich unzählige Bleistiftkreuze neben den Marken. Konstanze Saffarek, die damals als „Bufdi“ (Bundesfreiwilligendienst) in der Bibliothek arbeitete, verdreht noch heute die Augen, wenn sie daran denkt, wie lange sie gemeinsam mit einem Praktikanten brauchte, die Kreuze aus den Katalogen zu radieren.

Der auch international bekannte Schwaneberger-Verlag will die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Apoldaer Bibliothek fortsetzen. Er weiß sie dabei in einer Sonderstellung in Deutschland. Denn eine so umfangreiche Sammlung ist selten. Kostenlose Exemplare des Kataloges, so Verlagssprecherin Charlotte Jans auf Nachfrage unserer Zeitung, gehen als Pflichtabgabe an die Deutsche und an die Bayerische Staatsbibliothek, an das Deutsche Museum in München, an die Museumsstiftung in für Post und Telekommunikation und an die London Royal Philatelic Society. Hinzu kommen rein philatelistische Bibliotheken in München und Hamburg. So gesehen kann sich die kleine Apoldaer Bibliothek in der Tat mit internationalen Größen messen.

Die Lieferung jedes weiteren Michel-Katalogs an die Bibliothek in Apolda will der Schwaneberger-Verlag beibehalten. „Das sind wir der Geburtsstadt von Hugo Michel schuldig“, sagt Charlotte Jans.

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