Geistliches Wort: Die Kirche ist voller Heuchler

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Gregor Heidbrink über Egoismus, Moral und Erkenntnis.

Superintendent Gregor Heidbrink

Superintendent Gregor Heidbrink

Foto: Kirchenkreis

Es ist ein häufiger Vorwurf, den Christen sich gefallen lassen müssen: „Ein Leben als Christ müsste anders aussehen, als das Leben, das du führst…“ Man verweist auf die Bergpredigt. Schnell ist die Schlussfolgerung gezogen: „Dein christlicher Glaube ist nichts als Heuchelei.“

Wenn ich die Bergpredigt lese, wird mir bewusst, wie brüchig meine eigene Moral ist. Es gibt sogar Theologen, die meinen: Dazu ist die Bergpredigt da. Nicht weil man allen Ernstes diese Gebote halten könnte. Sondern weil sie die Augen für das öffnet. Denn Jesus blickt darin auf die Motive und Gedanken hinter unserem Handeln. Sogar, wo ich auf dem Boden des Gesetzes stehe, muss ich hinterfragen, was mich angetrieben hat.

Ich selbst kenne Angst und Egoismus und Leidenschaften, gegen die man sich nicht impfen lassen kann. Es beschämt, dem Anspruch an das eigene Leben nicht zu genügen. Das sorgt bei der Bergpredigt für ein Lesevergnügen wie ein Zahnarztbesuch. Diese Kränkung kann dazu verführen, ein Heuchler zu werden, der immer einen guten Grund für sein Handeln vorweisen kann.

Die Kränkung kann aber auch heilsam sein – nämlich, wenn man Vergebung sucht und zu seinen Schwächen steht. Jesus selbst beschreibt seinen eigenen Dienst mit den Worten: „Der Arzt ist für die Kranken da, nicht für die Gesunden“. Zum Arzt gehen, Hilfe suchen, Schwäche eingestehen. Das ist ein Schritt, der Respekt verdient. Ist man nämlich als Christ gescheitert, wenn man einen Fehler eingesteht? Im Gegenteil. Es ist ein mutiger Sieg über die innere Selbstgerechtigkeit. Es ist der Weg zur Heilung für sich und andere. Denn wir alle leben aus Vergebung und Neuanfang.

Mir gefällt der Werbeslogan einer Kirche in Nairobi: „Diese Kirche ist voller Heuchler. Aber wir haben immer Platz für noch einen mehr.“ In den Wochen vor Ostern sollte das auch das Motto sein für unsere Gemeinden: Wir sind eine Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig nichts vormachen müssen, angenommen von Gott und dazu berufen, immer wieder neu anfangen zu dürfen.