Versteigerung in Hermstedt birgt erstaunliche Geschichten

Martin Kappel
| Lesedauer: 3 Minuten
Ortschaftsbürgermeister Michael Raudies mit den beiden alten Ortsschildern, die an die Zeiten erinnern, als Hermstedt zur Einheitsgemeinde Saaleplatte gehörte.

Ortschaftsbürgermeister Michael Raudies mit den beiden alten Ortsschildern, die an die Zeiten erinnern, als Hermstedt zur Einheitsgemeinde Saaleplatte gehörte.

Foto: Martin Kappel

Hermstedt.  Bad Sulzas Ortschaft Hermstedt versteigert alte Saaleplatten-Ortsschilder. Bieter erzählen über Erlebnisse mit dem Ort.

Seit fast anderthalb Jahren ist Hermstedt nun Teil der Landgemeinde Bad Sulza – und die vormalige Gemeinde Saaleplatte Geschichte. Als Überbleibsel erinnern jedoch noch drei Ortsschilder an den alten Verwaltungsstatus. Zwei von ihnen sind nun versteigert worden – und haben gleich in mehreren Hinsichten erstaunliche Geschichten ans Tageslicht gebracht.

Eine von diesen Geschichten erzählt Ronny Klinghammer, der für 200 Euro unbedingt eines der alten Schilder erwerben wollte. Dass der junge Familienvater heute gerade in Hermstedt lebt, ist die Folge eines schweren Unfalls, den er dort erlitten hat, und von einigen glücklichen Zufällen. Kurzum: Schicksal.

Ein Motorradunfall und ein Treffen im Café

Begonnen hatte alles mit dem Wunsch der Familie, aufs Land zu ziehen. Ronnys Mutter traf in einem Apoldaer Café per Zufall dann den ehemaligen Bürgermeister Günther Graefe, der bis zum Jahr 2014 die Geschicke von Hermstedt lenkte. Sie erfuhr so, dass es da eine mögliche Option zum Bauen am Ortsausgang Richtung Schöten gäbe.

Mit seiner Frau Maria und Sohn Hector im Kinderwagen machten sich die drei wenig später von Schöten auf den Weg, um mehr zu erfahren. Wie der Zufall es so wollte, gehörte das brach liegende Grundstück nicht nur der Tochter des Alt-Bürgermeisters, sie hatte sich auch wenige Tage später zu Besuch in der Heimat angemeldet – mit ihrem Ehemann, einem passionierten Motorradfahrer, der wiederum die auffällig langen Narben an Ronny Klinghammers Armen schnell zu deuten wusste.

Diese Narben rührten von einem schweren Motorradunfall her, der sich im selben Jahr und genau eine Kreuzung vom heutigen Wohnort der Klinghammers in Hermstedt ereignet hatte. Der heute 33-Jährige trug an dem Unfall keine Schuld. Das Geld, das die Versicherung zahlte, sollte am Ende exakt ausreichen, um das Grundstück zu kaufen. Der Traum vom Eigenheim wurde Wirklichkeit, in direkter Nachbarschaft zum nun ersteigerten Ortsschild.

Eine nicht weniger enge Beziehung zu Hermstedt hat auch Rocco Andrich, der das zweite Schild mit dem Aufdruck „Hermstedt – Gemeinde Saaleplatte“ für 110 Euro ersteigerte. 1978 zog seine Familie in den Ort: „Ich bin hier aufgewachsen und außerdem habe ich die Saaleplatte vom ersten bis zum letzten Jahr begleitet“, so der heute 49-Jährige über die 1996 gegründete Einheitsgemeinde. Bevor er 2014 Vorgänger Günther Graefe als Ortsteilbürgermeister von Hermstedt beerbte, war er auch als Gemeinderat politisch aktiv. Das Ortsschild findet gut sichtbar im überdachten Außenbereich auf seinem Grundstück einen Platz: „Ich fühle mich einfach verbunden zum Ort.“

Das dritte Ortsschild wird im Gemeinschaftshaus angebracht, so Rocco Andrichs Nachfolger Michael Raudies. Mit dem Erlös aus der Versteigerung soll nun wiederum ein noch älterer Teil der Hermstedter Geschichte erzählt werden. So wurden bei Aufräumarbeiten alte Bilder und Dokumente aus verschiedenen Epochen des Ortes entdeckt. Original-Fotografien zeigen etwa das Anlegen des Feuerlöschteiches oder den Bau vom Dorfgemeinschaftshaus. Auch gibt es Bilder von Hausschlachtungen, der Kirmes oder der Vorwendezeit.

Mit den 310 Euro Versteigerungserlös sollen ungefähr 20 Bilderrahmen beschafft werden, in welchen bis zu einem Dutzend Originale aus der Chronik Platz finden. Diese sollen im Flur des Dorfgemeinschaftshauses bestaunt werden können. Wann es so weit sei, stehe aber noch nicht fest. Vielleicht zum Sommerfest, so der parteilose Ortschaftsbürgermeister, aber das werde wiederum der Fortgang der Corona-Geschichte zeigen müssen.