Ohne Vorerkrankungen: Chef der Johanniter ging durch die Corona-Hölle

Bad Sulza/Werdau/Gießen.  Andreas Weigel durchlebte einen schweren Covid-19-Verlauf. Nach fast acht Wochen Krankenhaus trafen wir ihn in der Reha in Bad Sulza.

Andreas Weigel neben einem Inhalationsgerät im Klinikzentrum in Bad Sulza. Er wird zum Wochenende die Reha-Einrichtung bereits verlassen können.

Andreas Weigel neben einem Inhalationsgerät im Klinikzentrum in Bad Sulza. Er wird zum Wochenende die Reha-Einrichtung bereits verlassen können.

Foto: Martin Kappel

Dass in der gesamten Bundesrepublik Demonstrationen und so genannte Spaziergänge gegen den Pandemie-Kurs der Regierung stattfinden und darunter Menschen sind, die das neuartige Coronavirus sogar komplett leugnen, das mache Andreas Weigel hilflos. Nicht selten heißt es, Covid-19 sei eine harmlose Grippe, die nur für Risikopatienten gefährlich sei. Doch der Krankheitsverlauf des 55-Jährigen belegt das Gegenteil. Dass er noch lebt, verdankt er höchstwahrscheinlich einer kleinen Zahl von Medizinern und Pflegern.

Keine Vorerkrankungen, überhaupt selten mal richtig erkältet gewesen und kein Problem mit 50 Liegestützen. Andreas Weigels Konstitution glich wohl dem, was für den Großteil der Bevölkerung als gesundes Ideal gelten dürfte.

An diesem Montag sitzt er nun schlaff in seinem Sessel, hat gerade Pause zwischen seinen Reha-Sitzungen. Eine lange Narbe zeichnet sich am Hals ab. Zehn Kilogramm Körpermasse hat er im Kampf um sein Leben verloren. Wenn er zum Freitag aus dem Klinikzentrum in Bad Sulza entlassen werden wird, gehen acht Wochen Aufenthalt in medizinischen Einrichtungen zu Ende.

„Alles hat nur noch nach Eisen geschmeckt“

Es begann unscheinbar: Der Vorstandsvorsitzende der Johanniter Sachsen-Anhalt/Thüringen bemerkte Mitte März die ersten Erkältungssymptome. Alles schien normal, ein wenig Erschöpfung, aber kein Fieber.

Doch nach etwa drei Tagen dann Alarmzeichen: „Alles hat nur noch nach Eisen geschmeckt“, erinnert sich Andreas Weigel. Zum Geschmacksverlust kam Durchfall hinzu. Der Gang zum Hausarzt brachte dann das Ergebnis: Positivbefund auf SARS-CoV-2.

In seiner Wohnung bei Zwickau versuchte er sich zwei weitere Tage lang auszukurieren. Doch nun entstehen Erinnerungslücken, die Andreas Weigel erst heute langsam wieder füllt. „Die Leute, mit denen ich zu diesem Zeitpunkt sprach, beschreiben meinen Zustand, als wäre ich nicht mehr ganz bei mir gewesen.“

Mit dem Spezialhubschrauber von Werdau nach Gießen verlegt

„Am Ende ging es stündlich bergab, also habe ich den Notruf gewählt“, so Andreas Weigel. In der Pleißental-Klinik wurde der Covid-19-Patient zunächst stationär aufgenommen wurde. Ein Röntgenbild wurde angefordert, weitere Untersuchungen liefen.

Doch der Zustand verschlechterte sich rapide. Drei Stunden nach seiner Ankunft klagte Andreas Weigel plötzlich über Atemnot und wurde auf die Intensivstation verlegt, wo er schließlich ins künstliche Koma versetzt wurde und künstlich beatmet werden musste.

Weitere drei Tage später sei sein Zustand lebensbedrohlich gewesen. Mit dem Spezialhubschrauber wurde Andreas Weigel in das Universitätsklinikum nach Gießen geflogen.

Härtester Kampf gegen Covid-19 dauert 25 Tage auf der Intensivstation

„Dort wachte ich dann nach 14 Tagen am Gründonnerstag wieder endlich auf“, erinnert sich der 55-Jährige. Zur gemachten Nahtoderfahrung kamen jetzt Erstickungsängste hinzu. Er war zwar wieder wach, doch weiter künstlich beatmet und konnte nicht sprechen. Etwa alle anderthalb Stunden musste Sekret über einen gelegten Kanal aus den Luftwegen gesaugt werden.

Bis dahin hinderte die Flüssigkeit Andreas Weigel am Atmen. Er aktivierte den Alarm und die Pfleger und Schwestern machten sich steril und zogen sich die Schutzkleidung an. Bis zu zehn Minuten habe das gedauert – noch heute müsse er die Erfahrungen psychisch verarbeiten.

Nach 25 Tagen Intensivstation war sein Zustand endlich zunehmend stabilisiert. Per Krankentransport ging es nach Bad Sulza, wo er der erste von aktuell drei Covid-19-Patienten wurde, der ans Reha-Klinikzentrum kam. Gingen die ersten Schritte anfangs noch mit Rollator, schafft er heute bereits alleine 10.000 Stück und statt 50 Liegestütze immerhin schon wieder vier.

Wer jetzt noch protestiert, habe den Ernst der Situation nicht im Blick

Die Genesung schreite „bilderbuchmäßig“ voran. Doch die lange Narbe an seinem Hals werde er behalten. Sie stammt von einer Komplikation während der Beatmung.

Nicht zurückkommen wird eines seiner Familienmitglieder, deren Reserven für den Kampf gegen Covid-19 nicht gereicht haben. „Wer sich heute zum Protestieren versammelt, der hat den Ernst der Situation nicht im Blick“, so das ehemalige SPD-Bundestagsmitglied.