Erinnerung an Wende und Friedliche Revolution in Apolda

Apolda  In Apolda wurde an die Friedliche Revolution vor 30 Jahren erinnert. Die interessanten Zeitzeugengespräche in der Lutherkirche haben durchaus Aha-Effekte gebracht.

Zeitzeugen in der Lutherkirche Apolda: Moderator Volker Heerdegen, Hans-Joachim Galiffé, Christoph Eisenhuth, Matthias Büchner, Mike Mohring, Moderator Thomas-Michael Robscheit und Jürgen Schwarz.

Zeitzeugen in der Lutherkirche Apolda: Moderator Volker Heerdegen, Hans-Joachim Galiffé, Christoph Eisenhuth, Matthias Büchner, Mike Mohring, Moderator Thomas-Michael Robscheit und Jürgen Schwarz.

Foto: Dirk Lorenz-Bauer

Wenig Folklore, keine Verklärung und doch am Ende den Anflug eines Eklats bot das Podiumsgespräch mit fünf Zeitzeugen der friedlichen Revolution, zu dem Stadt und Kirchgemeinde am Montagabend in die Lutherkirche einluden.

Rund 100 Bürger nutzten die Gelegenheit, um sich vorm Hintergrund 30 Jahre Mauerfall sowie Erinnerung ans Friedensgebet vom 4. November 1989 an eben jenem Ort anzuhören, was Protagonisten jener historischen Tage für wichtig erachten.

Dass ins Gotteshaus, das nach konservativer Bestuhlung um die 200 Leute fasste, Anfang November letztlich 2000 kamen, erzählte Hans-Joachim Galiffé. Er war einst Organisator und CDU-Ortschef. Und verwies nun darauf, dass die Martinskirche für die Friedensgebete schon nach der zweiten Veranstaltung zu klein war. Der einstige Pfarrer Christoph Eisenhuth ließ seinerzeit zu, dass das Ganze fortan in der größeren Lutherkirche stattfinden konnte.

Wenige Tage später fand dann auch in Apolda eine beeindruckende Großdemo mit weit über 12.500 Beteiligten statt, sagte Mike Mohring. Er war damals noch Oberschüler und mit seinen Mitstreitern dem Neuen Forum beigetreten, das sich in Sulzbach gegründet hatte. An die Demo, die damals vom Gericht bis zur Staatssicherheit führte, erinnert ein Tafel am Stadthaus.

Mohring erinnere indes auch an die Verwegenheit der Schülergruppe jener Zeit. Quasi auf dem Matrizendrucker wurde da Politik gemacht, schmiedete man Pläne, stellte Forderungen auf und düste auf durch Leimeimer und Plakate beschwerten Mopeds durch die Nacht von Laternenpfahl zu Laternenpfahl. Eine der Forderung, die heute durchaus zum Schmunzeln anregt: In Internaten muss endlich Westfernsehen erlaubt werden...

Für ihn persönlich sei das damals, und an dieser Stelle kam wohl dann doch ein wenig Verklärung ins Spiel, „die schönste politische Zeit gewesen - frei und ehrlich.“ Damals habe noch gegolten, was der andere zusagt hatte, versicherte Mohring.

Jürgen Schwarz, damals der Kreissprecher des Neuen Forums, bemühte rückblickend einen Marx-Satz: „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ Er sprach von „bewegenden Zeiten“ und süffisant von Szenen, in denen Politoffiziere, „die uns später Kultur beibrachten“, im Kinosaal auftraten. Mit Blick auf die einstigen bewegenden Zeiten, meinte er noch, dass es wieder Zeit wird, dass sich die Bürger bewegen lassen - niemand brauche Faschismus, niemand brauche Nazis, so Schwarz. Es gebe eben Dinge, die man nicht akzeptieren, nicht einfach hinnehmen müsse. - Solche Leute wie Björn Höcke von der AfD etwa. Unter Applaus ergänzte Jürgen Schwarz noch: „Thüringen darf nicht in die Hände der neuen Braunen fallen!“ Denn in der Politik brauche es Ehrlichkeit und Verlässlichkeit.

So sieht es auch Galiffé, der für ein offenes Miteinander plädierte. Ein Zurück in die Vergangenheit helfe nicht weiter.

Einen erneuten Runden Tisch brauche es nicht, versicherte Eisenhuth. Die Demokratie funktioniere, darauf vertraue er.

Der Sinn des Neuen Forums sei es gewesen, die Diktatur aufzubrechen und den Parteien den Weg zu ebnen - dieses selbst um den Preis der Selbstaufgabe, beschrieb es Matthias Büchner, einst DDR-Sprecher des Neuen Forums.

Gespickt war die Veranstaltung, die Volker Heerdegen und Pfarrer Thomas-Michael Robscheit moderierten, mit original Tonbandaufzeichnungen jener Zeit. Der damalige Superintendent Hans Zierold war da zu hören: „Nach 40 Jahren der Sprachlosigkeit hat unser Volk nun seine Sprache wiedergefunden“, sagte er. Die Kirchen hätten zwar kein politisches Programm vertreten, aber den Geist der Fairness nach vorgetragen, den Umgang mit unterschiedlichen Ansichten nach demokratischen Spielregeln befördert.

Jeder einzelne Bürger habe Mut bewiesen

Eisenhuth mag den Begriff „Wende“ nicht. Das Wort sei vom letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Genossen Egon Krenz gebraucht worden, der im Politbüro davon gesprochen habe, dass man nun die Wende eingeleitet habe, was eine Farce sei. Stelle man also unbedenklich darauf ab, rede man im Nachhinein klein, was doch groß war, findet Eisenhuth. Den Mut, den jeder einzelnen Bürger bewiesen habe, der seine Angst vor Repressalien überwand, diese kollossale „kollektive Kraftanstrengung“ habe diese einmalige friedliche Revolution erst ermöglicht. Genuin sei der revolutionäre Dreiklang von „Wir wollen raus!“ über „Wir bleiben hier!“ bis zum „Wir sind ein Volk!“.

Der Wünsche nach Demokratie und vor allem nach Freiheit hätten die Triebkräfte freigesetzt - nicht zuletzt gebündelt in plakativen Sprüchen wie „Visafrei bis nach Hawai“, so Eisenhuth. Er leitete den Runden Tisch, der erstmals am 19. Dezember 1989 im evangelischen Gemeindehaus besetzt wurde. Dass man durchaus trickreich von der Stasi teils hinters Licht geführt worden sei, verhehlte er nicht.

Dass die Kirche die Revolution zwar nicht initiiert, die friedliche Revolution aber ermöglich habe, stünde außer Frage, sagte Schwarz. Sie habe ihre Türen geöffnet für die, die Veränderungen herbeiführen wollten, Schutzräume benötigten.

Respekt zollte Heinrich Macher via Tonband den standhaften Kirchenmännern, die den Kräften damals den Rücken stärkten. Auch er habe Angst, sagte der ehemalige Stadtrat damals. Aber auch er habe diese Angst überwunden.

Mit den Äußerungen von Schwarz zeigte sich AfD-Stadtrat Hubert Schauer nicht einverstanden. Er verwahre sich gegen Vorwürfe gegen die AfD. Er sei Demokrat und sei gegen jede Form von Extremismus. Man müsse mit der AfD nicht einverstanden sein, aber wenn von vornherein der Dialog verweigert werde, würden diejenigen, welche die Demokratie preisen, gegen ihre eigenen Überzeugungen verstoßen, so Schauer.

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