Wir haben es ja nicht gewusst

Eine Menschentraube, am Boden ein Benachteiligter, einer zückt seine Waffe. Alle erwarten ein Gemetzel. Der Mächtigere erhebe sich gegen den Schwächeren. So ist das Gesetz der Natur. Und dann ein ...

Eine Menschentraube, am Boden ein Benachteiligter, einer zückt seine Waffe. Alle erwarten ein Gemetzel. Der Mächtigere erhebe sich gegen den Schwächeren. So ist das Gesetz der Natur. Und dann ein roter Mantel, alles kommt wider Erwarten: Er wird zerteilt. Mantel der Solidarität, des Schutzes.

Martin von Tours handelt vor knapp 1700 Jahren aus Nächstenliebe und rettet Menschenleben. Die Traube bildet Lager: Manche sagen, endlich tut mal einer was, für die Schwachen. Manche zeigen Unverständnis, war es doch Eigentum Dritter und der Arme ein Dorn im Auge. Manche halten sich raus, als gehe sie das Vor-Augen-Stehende, In-den-Himmel-Schreiende nichts an. Sie halten sich bedeckt im Mantel der bequem(lich)en Unwissenheit.

Ich sehe ein Mädchen, rot bemantelt inmitten von Ghettofarben. In Spielbergs Film Schindlers Liste von 1993 bleibt am Ende nur der rote Mantel übrig. Und Schindler beginnt, Menschen zu retten.

Ignorantia iuris nocet. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

Heute gedenken wir (auch in Apolda) jüdischer Opfer und der Zerstörung jüdischen Lebens in Deutschland in der Pogromnacht am 9.11.1938 – ein wahnsinniges Gewaltgemetzel gegen Schwächere (unsere jüdischen MitbürgerInnen) inmitten der Gesellschaft.

Errungenschaften sind wohl nie ein für allemal. Nicht im Privaten, nicht beruflich, und erst recht nicht gesellschaftlich. Freiheit (auch im Zuge der Maueröffnung) wird gefährdet von neuerlichem Mauern durch (Extrem)Rechtsnationalismus. Gleichstellung von Menschen wird durch neue Diskriminierung oder nach dem Sturz mancher Tabus zur bleibenden Herausforderung.

Armut nimmt im abnehmenden Sozialstaat zu, und das gerade in der Altersgruppe von RentnerInnen mit ihren zuweilen verkannten Lebensleistungen.

Der „Nie wieder“-Ruf nach der Shoah ist gewichen einem kläglichen „Schon wieder“.

(Un)Wissen, das wird mir klar, hat mit Verantwortung zu tun. Darum ist es wichtig, weiter zu gedenken, zu reden in schwierigen Zeiten: „Nächstenliebe verlangt Klarheit“! Es braucht den Mut zum Wissen, zur Debatte, zu Beherztheit.

So wie einst Sankt Martin.

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