Arnstadt verlegt weiter Stolpersteine für jüdische Mitbürger

70 Jahre nach der Deportation in das Getto Belzyce werden erneut Stolpersteine für jüdische Mitbürger verlegt. Nun werden Spender gesucht, die das Projekt gegen das Vergessen unterstützen.

93 Stolpersteine wurden bisher in Arnstadt verlegt, nun kommen weitere 19 Steine hinzu. Archivfoto: Hans-Peter Stadermann

93 Stolpersteine wurden bisher in Arnstadt verlegt, nun kommen weitere 19 Steine hinzu. Archivfoto: Hans-Peter Stadermann

Foto: zgt

Arnstadt. Seit fünf Jahren liegen in Arnstadt Stolpersteine. Die ersten galten der Familie Ambach/Lewin, die im Haus zum Christophorus auf dem Ried wohnte. Inzwischen erinnern in der Stadt 93 dieser in den Gehweg eingelassene Messingplatten an zumeist jüdische Mitbürger, die während der Nazi-Zeit vertrieben oder ermordet wurden.

Auch in diesem Jahr wird die Aktion fortgeführt - und beginnt wie schon 2007 auf dem Riedplatz, wo insgesamt 13 der 19 neuen Stolpersteine vor dem Haus Nummer 7 verlegt werden. Dort war die Familie des Viehhändlers Adolf Mendel mit ihren drei Kindern zu Hause, ebenso seine Geschwister. Außerdem wohnte dort Hermann Vorreuter mit Familie. Er hat vermutlich bei den Mendels gearbeitet, wie Jörg Kaps bei seinen Recherchen herausfand. Kaps ist Beauftragter der Stadt für das Stolperstein-Projekt und konnte inzwischen zu mehreren Überlebenden wie Nachfahren von Arnstädter Opfern Kontakte herstellen und so viele Details über dieses dunkle Kapitel der Arnstädter Stadtgeschichte zusammentragen.

Hermann Vorreuter gehörte wie Hanna Lehmann, Frieda Bremer und Betty Leopold zu den 21 Arnstädtern, die am 10. Mai 1942 von Weimar aus in das Getto Belzyce deportiert wurden. Auf den Tag genau 70 Jahre später wird ihrer ebenso gedacht wie jener Menschen, die zwar fliehen konnten, aber ihre Heimat verloren.

Ein weiterer Transport fuhr am 19. September 1942 von Weimar nach Theresienstadt, dabei waren 14 Arnstädter. Nur Recha Stern hat durch einen Rettungstransport in die Schweiz überlebt. Die Sterns wohnten in der Marktstraße 14, wo sie ein Geschäft für Bekleidung betrieben. Zu den von Jörg Kaps zusammengetragenen Dokumenten gehört ein Foto ihres Hauses, das längst nicht mehr steht.

Zur Gedenkveranstaltung am 10. Mai ab 10 Uhr wird diesmal der Künstler Dieter Demnig nicht anwesend sein, Mitarbeiter des Baubetriebshofes verlegen seine Steine. Inzwischen gibt es diese Form des Erinnerns auch in Ungarn, Österreich, Belgien, den Niederlanden, in Tschechien, Polen, Italien, Norwegen und der Ukraine, mehr als 32.000 Tafeln sollen es insgesamt sein. In Arnstadt werde man noch etwa zwei bis drei Jahre zu tun haben, um allen verfolgten Juden einen Stein widmen zu können, sagt Kaps. Er ist inzwischen auch auf die Namen von 24 Arnstädtern gestoßen, die Opfer der Euthanasie wurden. Für die Aktion sammelt die Stadt weiter Spenden. So trug die Klasse 9c des Arnstädter Gymnasiums das Geld für einen Stein zusammen.

Neue Stolpersteine werden verlegt für:

  • Adolf Mendel, geb. 1875, Flucht nach Chile
  • Berta Mendel, geb. 1883, Flucht nach Chile
  • Alfred Mendel, geb. 1906, Flucht nach Palästina
  • Irmgard Strauss, geb. 1909, Flucht in USA
  • Gertrud Weinstein, geb. 1915, Flucht nach Chile
  • Julius Mendel, geb. 1883, Flucht nach Chile
  • Max Mendel, geb. 1871, ermordet 1942 in Theresienstadt
  • Frieda Bremer, geb. 1879, ermordet 1942 in Belzyce
  • Käthe Aumann, geb. 1904, Flucht in die USA
  • Hermann Vorreuter, geb. 1877, ermordet in Belzyce
  • Rosa Vorreuter, geb. 1874, gestorben 1933
  • Viktor Vorreuter, geb. 1909, Schicksal unbekannt
  • Hanna Lehman, geb. 1884, deportiert, in Belzyce ermordet
  • Hermann Stern, geb. 1866, in Buchenwald eingesperrt, gestorben 1939
  • Recha Stern, geb. 1871, deportiert nach Theresienstadt, Freiheitstransport in die Schweiz
  • Käthe Schwab, geb. 1896, Flucht nach England
  • Arthur Stern, geb. 1901, deportiert, ermordet 1944 in Maly Trostinec
  • Betty Leopold, geb. 1881, ermordet in Belzyce
  • Günther Leopold, geb. 1880, Heilanstalt Bendorf-Sayn, Tod 1942

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