Arnstädter fahren zum Baden 600 km nonstop mit dem Rad an die Ostsee und springen nicht ins Wasser

Tobias Geißler
| Lesedauer: 7 Minuten
Dieses Bild von Pierre Heyder, Stephan Kling, Peter Otte und Tobias Geißler (von links) entstand auf dem Fichtelberg nur wenige Minuten vor dem Start.

Dieses Bild von Pierre Heyder, Stephan Kling, Peter Otte und Tobias Geißler (von links) entstand auf dem Fichtelberg nur wenige Minuten vor dem Start.

Foto: Tobias Geißler

Arnstadt.  Die Radsportler aus Arnstadt nehmen an der Fichkona, einer Langstreckentour vom Fichtelberg zum Kap Arkona, teil:

Sechs Uhr, der Wecker klingelt und beendet eine unruhige Nacht. In zwei Autos mit Rennrädern im Kofferraum geht es von Arnstadt aus Richtung Fichtelberg. Meine Radsportfreunde Pierre Heyder, Peter Otte, Stephan Kling und ich wollen an die Ostsee, baden fahren, denn es soll heiß werden.

Aber wir wollen nicht mit dem Auto an die Küste, sondern sind Teilnehmer der 23. Fichkona, einer seit 1998 ausgetragenen Radfahrt für maximal 180 Langstreckenfans.

Über die Berge und Ausläufer des Erzgebirges, durch die leicht hügelige Dübener Heide, durch Wittenberg, schnurgerade nach Potsdam, weiter über die langen mecklenburgischen Alleen, bis das erste Mal die salzige Seeluft in Stralsund in die Nase kriecht. Weiter geht es über den Rügendamm bis zum Ziel am Leuchtturm, dem fast nördlichsten Punkt der Insel.

Mit dem Fahrrad durch die Gluthitze

Innerhalb 24 Stunden die 625 Kilometer zwischen dem Fichtelberg und Kap Arkona auf dem Fahrrad zurücklegen, nonstop ohne Übernachtung. Soweit die Kurzbeschreibung des Initiators Olaf Schau.

Wir alle fahren in unserer Radsportgruppe von Zweirad Böttner aus Arnstadt zwischen 8000 und 13.000 Kilometer pro Jahr, aber reicht die Vorbereitung aus, die Belastung einer solchen Fahrt zu überstehen?

Am Gipfelhaus des Fichtelberges erwarten uns 20 Grad und gut gelaunte 173 Radsportler aus allen Ecken Deutschlands. Plötzlich Aufregung in unserer Vierergruppe. Bei Sportfreund Peti entweicht die Luft aus dem Reifen, doch schnell und routiniert wird ein neuer Schlauch eingelegt, auf 6,5 Bar aufgepumpt und schon ein paar Minuten später lauschen wir der Ansprache von Organisator Olaf Schau.

Kurz darauf wird gestartet. Nach einer schnellen Abfahrt den Fichtelberg hinunter, geht es in Richtung Annaberg-Buchholz und Chemnitz. Die Gruppe läuft sehr gut, man kommt mit anderen Teilnehmern ins Gespräch und erfährt von den Fichkona-Veteranen mit teilweise 15 Starts, dass man in der Vergangenheit auch schon bei 5 Grad und Dauerregen gestartet ist.

Aber nicht heute, die Temperaturen steigen schnell in Richtung 30 Grad… Nach etwa 100 Kilometern die erste 15-Minuten- Pause in Biesern. Auf einem Parkplatz hat die Fichkona-Crew eine Verpflegungsstation aufgebaut.

An dieser Stelle ein ganz großes Lob an das gesamte Team um Olaf Schau, das uns so toll versorgt haben, ob an den Verpflegungsständen oder auch aus dem Auto heraus.

Ein Pfiff des Captains ertönt, es geht weiter! Er behält in den Pausen die Uhr im Auge, soll das Tempo vorgeben, wenn nötig die Gruppe auch einbremsen. Zu schnell vergisst der ein oder andere Teilnehmer, dass diese Fahrt nicht schon nach 200 Kilometern endet.

Weiter geht die Fahrt, nun sehr wellig, Richtung Grimmen. Man muss kräftig in die Pedale treten, die Temperaturen liegen mittlerweile bei 39 Grad! Was für für eine Gluthitze! Am Ende der Tour hat jeder von uns 15 Liter getrunken.

Nach 220 Kilometern und fast 1500 Höhenmetern eine weitere kurze Trinkpause. Schnell die Flaschen auffüllen. Meine Beine kribbeln, der Körper ist durch das ständige Auf und Ab ausgepowert.

Noch 400 Kilometer weiter fahren? Wie soll man das schaffen? Die Versuchung ist groß, in ein Begleitfahrzeug einzusteigen. In unserer Gruppe sind von 26 Startern leider nur 15 im Ziel angekommen.

Aber nach einer kurzen Trinkpause steige ich wieder aufs Rad. Tatsächlich liegen mir die folgenden, etwas flacheren Streckenabschnitte. Es wird sich in der Führung gut abgewechselt, so dass jeder mal den Windschatten genießen und wieder Kräfte sammeln kann.

Es geht bei Wittenberg über die Elbe, bei Niemegk begegnen uns immer wieder Feuerwehren. Später erfahren wir, dass bei Treuenbrietzen 200 Hektar Wald brennen.

Wir sind mittlerweile kurz vor Potsdam angekommen. Auf einem Parkplatz bereiten wir uns auf die Nachtfahrt vor. Hier steht auch eine Motorradstaffel der Potsdamer Polizei bereit. Sie wird für uns in der Stadt jede Kreuzung abschirmen – wir dürfen auch bei Rot fahren. Ein echtes Highlight für uns, aber auch die Polizisten auf den Motorrädern haben scheinbar ihre Freude daran.

Am Ortsausgang ein letzter Gruß und wir fahren weiter in Richtung Norden. Nun geht es auf langen Alleen durch die Wälder Brandenburgs. Es ist mittlerweile 23 Uhr und dunkel. Jetzt kommen die mental anstrengendsten Stunden auf uns zu. Bis zum Sonnenaufgang heißt es, die Konzentration und die oft nur 20 Zentimeter Abstand zum Rad des Vordermannes zu halten.

Meine Füße, Beine, Handgelenke, Nacken und Schultern beginnen zu schmerzen und der Körper will nur noch eins: Schlaf.

Die beginnende Helligkeit und die steigenden Temperaturen geben neue Kraft. In Gedanken bin ich bei meinen Freunden Pierre und Peter „Peti“. Sie fahren in der nachfolgenden Gruppe und ich frage mich, wie es ihnen geht.

In der Dunkelheit will der Körper nur noch eines: Schlaf

Irgendwo bei Gransee taucht dann der erste Wegweiser mit der Aufschrift „Stralsund 176 km“. Puh, noch ganz schön weit bis zum Meer! Bei Neubrandenburg sind es nur noch um die 15 Grad, die kühle, klare Luft tut aber den Muskeln gut.

Wir rollen nun endlich in die Stadt Stralsund und dann sehen wir sie, die Pfeiler der 2007 neu gebauten Rügenbrücke. Noch eine kurze Pause und wir fahren über den parallel verlaufenden Rügendamm auf Deutschlands größte Insel. Nach 16 Stunden auf dem Rad ein berauschendes und tolles Gefühl!

Schon bald ist die Wittower Fähre erreicht. Extra für uns geht die erste Fahrt des Tages über das Wasser. Zuvor bekommen wir noch einen ordentlichen Regenguss ab. Aber keiner von uns würde jetzt, nur noch 20 Kilometer vor dem Ziel, aufgeben. Regen und Gegenwind fordern unsere letzten Kraftreserven.

Die letzten Meter geht es durch ein Jubelspalier bis zum Leuchtturm vom Kap Arkona. Nach einer Fahrzeit von 19 Stunden, 10 Minuten, 627 gefahrenen Kilometern, 2800 Höhenmeter, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 32,7 km/h und dem Verbrauch von ca. 9000 Kalorien spüren wir ein unbeschreibliches Gefühl der Freude.

Nach ein paar Erinnerungsbildern am Ziel wollen wir nur noch in das zwölf Kilometer entfernte Fichkona-Camp in Juliusruh. Hier empfangen wir auch Pierre und Peti. Nach einer heißen Dusche in unserer Unterkunft sind wir erst einmal ins Bett gefallen. Baden waren wir leider nicht, dafür war es uns mit 12 Grad Lufttemperatur an der Ostsee, einfach zu kühl.

Aber vielleicht klappt es ja nächstes Jahr, falls wir noch einmal so verrückt sind, für die längste Badefahrt mit dem Rad an die Ostsee.